Univ.-Prof. Dr. med. Adrian Tanew
Facharzt für Dermatologie am AKH Wien

Welche Ursachen hat Haarausfall, welche Arten lassen sich davon ableiten?

Es ist primär zwischen einem episodischen und chronischem Haarausfall zu unterscheiden. Der episodische Haarausfall kommt häufig vor und hat zahllose mögliche Ursachen. Die bekanntesten sind die Umstellung des weiblichen Sexualhormonhaushalts nach einer Entbindung (postpartales Effluvium), Infektionen, Operationen, psychische Belastungen (Stress), Abmagerungskuren oder Mangelernährung. Beim chronischen Haarausfall muss insbesondere auch die Kopfhaut selbst genau untersucht werden: ist sie entzündlich verändert oder nicht, sind die Haarfollikel (Haarausführungsgänge) erhalten oder vernarbt? Ist die Kopfhaut klinisch unauffällig, müssen bei einem chronischen Haarausfall auch noch autoimmunologische Erkrankungen, hormonelle Störungen (insbesondere der Schilddrüse und der Sexualhormone) und Eisenstoffwechselstörungen in Betracht gezogen werden. Liegt eine entzündliche Kopfhauterkrankung vor, muss diese dermatologisch abgeklärt und erforderlichenfalls eine Hautprobe entnommen werden.

Was gilt, wenn keine auslösenden Ursachen gefunden werden?

Es gibt auch noch die große Gruppe der Haarausfälle, die durch männlich wirkende Sexualhormone (Androgene) vermittelt werden. Zumeist sind die Betroffenen (sowohl Männer als auch Frauen!) ansonsten völlig gesund, weil hier eine auf die Haarwurzelzellen bestimmter Kopfhautregionen beschränkte Überempfindlichkeit auf das männlich wirkende Hormon vorliegt. Die Diagnose gründet sich auf das klinische Bild und die Krankengeschichte, da Laboruntersuchungen zumeist keine pathologischen Befunde erbringen. Bei den Männern ist diese Art des Haarverlustes, welche altersabhängig zur typischen männlichen Glatzenbildung führt, sehr häufig. Auch Frauen können davon betroffen sein, wobei sich jedoch der Haarausfall üblicherweise später einstellt, ein anderes Muster aufweist (female pattern hair loss) und die daraus resultierende Haarlosigkeit kaum jemals so ausgeprägt wie bei Männern ist.  

Wie viele Frauen sind in Österreich von chronischem Haarausfall betroffen?

Es ist ein in der dermatologischen Praxis sehr häufig angesprochenes Beschwerdebild, zu dessen tatsächlicher Inzidenz aber keine exakten Zahlen vorliegen. Haarausfall wird oft bagatellisiert und ohne adäquate Diagnostik symptomatisch behandelt. Sobald ein übermäßiger Haarausfall in konstanter oder zunehmender Intensität über mehr als sechs Monate anhält, sollte ein Experte zu Rate gezogen werden.

Ab wann spricht man denn von Haarausfall?

Üblicherweise gilt, dass ein Ausfall von bis zu 100 Haaren pro Tag als normal angesehen wird. Es bedarf in der Regel aber kaum jemals einer täglichen Zählung der Haare, um subjektiv abschätzen zu können, ob die Haare vermehrt ausgehen oder nicht.

Kann die Haardichte erhöht werden?

Gegen den hormonell bedingten Haarausfall gibt es wirksame Therapien, die den Haarausfall stoppen und bei längerer Anwendung auch ein Haarwiederwachstum bewirken können. Bei physikalischen oder chemischen Haarschaftschäden kann durch geeignete Haarpflegemittel das Haarvolumen verbessert werden. In den sehr seltenen Fällen, wo eine genetisch bedingte Minderanlage von Haarfollikeln oder angeborene Haarschafterkrankungen vorliegen, ist es nicht möglich, die Haardichte zu verbessern.