Wieso sind Vorurteile gegenüber HIV-positiven Menschen so stark?

Immer noch sehen wir eine breite gesellschaftliche Diskriminierung, die daher rührt, dass Menschen Angst vor einer Infektion und daher Angst vor HIV-positiven Menschen haben. Und warum? Weil viele Menschen zu wenig informiert sind! Deshalb ist eine unserer Aufgaben als Aids-Hilfe, Informationen weiterzutragen. Allgemein bekannt ist, dass man sich über den Kontakt mit Blut, Sperma, Vaginalsekret oder Muttermilch infizieren kann.

Worüber aber oftmals Unwissenheit herrscht, sind Alltagssituationen, in denen man sich nicht infizieren kann. Ein anderer Grund für Diskriminierung ist natürlich, dass HIV oft per se Menschen zugeordnet wird, die sowieso jetzt schon „Randgruppen“ sind, die also von vielen Menschen ausgegrenzt werden.

Unwissenheit als Ursache für Diskriminierung?

Wir haben eine eigene Anti-Diskriminierungs-Stelle hier im Haus aufgebaut. Menschen können Fälle melden, in denen sie aufgrund ihrer HIV-Infektion diskriminierend oder abwertend behandelt wurden. Diskriminierung passiert nicht nur im Lebens- und Berufsumfeld, sondern auch im Gesundheitssystem. Ich finde solche Fälle sehr traurig, weil es gerade jene Menschen besser wissen müssten, die eine medizinische Ausbildung haben.

Zum Glück gibt es aber auch sehr viele ÄrztInnen und PflegerInnen, die ihren Job ganz toll und ohne jede Diskriminierung ausüben! Insgesamt hinkt aber die Gesellschaft in der Abarbeitung ihrer Hausaufgaben hinterher. Aus biomedizinischer Sicht sind wir nämlich schon weiter! Etwa wenn HIV-positive Menschen eine Therapie einnehmen und die Viruslast damit unter die Nachweisbarkeitsgrenze gedrückt wird und somit kein Infektionsrisiko mehr besteht.

Wie sieht es mit Daten und Fakten zu HIV-Neuinfektionen aus?

Im Jahr 2015 gab es in Österreich 428 Neudiagnosen, ungefähr die Hälfte davon in Wien. Die Zahlen sind seit einigen Jahren stabil bei 400-500 neuen Diagnosen pro Jahr. Wir würden natürlich hoffen, dass der Trend nach unten geht. Ich glaube, das braucht noch ein bisschen Zeit, aber ich bin sehr positiv gestimmt! Was die Dunkelziffer betrifft, so schätzen wir, dass in Österreich derzeit insgesamt 10.000-12.000 HIV-positive Menschen leben.

Woran liegt es, dass es viele Infizierte gar nicht wissen?

Wenn es zu einer Infektion kommt, dann treten in den ersten Wochen, wenn überhaupt, grippeähnliche Symptome auf. Hat man nicht unbedingt eine Risikosituation im Kopf, dann kann man diese Symptome auch übersehen. Die Krux an der Sache ist, dass darum Infektionen häufig nicht bemerkt werden und die Diagnose erst Jahre später gestellt wird.

Dann ist das Immunsystem bereits deutlich geschwächt und Zusatzerkrankungen können auftreten. Im EU-Schnitt machen diese „Late Presenters“, also Personen, die erst sehr spät klinisch vorstellig werden, ca. 40 Prozent der Diagnosen aus. Das ist fast jede/r Zweite!

Was muss getan werden, um die Zahl an HIV-Infektionen zu minimieren?

Es klingt profan, aber es sind Information zu und Motivation für die möglichen Präventionsmaßnahmen. Das Kondom ist und bleibt eine einfache und hocheffektive Variante, um sich vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen zu schützen. Aber auch Testangebote sind für die Prävention essenziell. Zu den Maßnahmen gehört auch, dass HIV-positiven Menschen eine Therapie möglich ist, um nicht infektiös zu sein. Außerdem müssen wir als Gesellschaft andere Lebens- und Liebeskonzepte tolerieren und akzeptieren lernen.

Jede/r, der von der Gesellschaft an den Rand gestellt wird, hat einen schlechteren Zugang zu Information, Schutzmöglichkeiten, Beratung und Betreuung – und da reden wir nicht nur über die queere LGBTI-Community, sondern auch von MigrantInnen, SexarbeiterInnen oder DrogengebraucherInnen. Im Präventionspaket muss also ganz oben stehen: Formung der Gesellschaft in Richtung Gleichheit, Einhaltung der Menschenrechte, Nicht-Diskriminierung und Nicht-Stigmatisierung!