Ein deutlicher Fortschritt, denn noch vor zehn Jahren war Kommunikation kein verpflichtender Inhalt des Medizinstudiums. Es ist deswegen so wichtig, den richtigen kommunikativen Umgang mit Tabuthemen im ärztlichen Gespräch zu lernen, weil Tabus zumeist schambehaftet sind und aus diesem Grund beiden GesprächspartnerInnen Probleme bereiten können, da man in der Gesellschaft nicht darauf vorbereitet wird, über solche Themen zu reden – ganz im Gegenteil!

Schlägt man im Lexikon nach, wird der Begriff „Tabu“ beschrieben als ein stillschweigend praktiziertes gesellschaftliches Regelwerk bzw. einer kulturelle Übereinkunft, die bestimmte Verhaltensweisen oder Kommunikationsthemen gebietet oder verbietet. Tabus sind meist unhinterfragt und bleiben als soziale Normen unausgesprochen oder werden allenfalls durch indirekte Thematisierung angedeutet.

Tabus „schützen“ so ein Thema vor dem kritischen Diskurs in der Gruppe, Gemeinschaft oder Gesellschaft, obwohl sie oft wunde Punkte der jeweiligen Gesellschaft berühren. Wer unliebsame Leiden ungebeten offenbart, stößt in der Regel auf peinlich berührtes Schweigen, Ablehnung oder Stigmatisierung.

Ursprung der Tabus

Medizinische Tabuthemen in unserer Gesellschaft sind hauptsächlich Themen, die Zustände der Körperlichkeit oder der Psyche ansprechen, wie z.B. Sexualität, psychische Krankheiten, Körperausscheidungen, Gewalterfahrungen, Alter oder Tod. Z.B. Krankheiten, die eng in Verbindung mit den menschlichen Sekreten stehen, wie etwa Harninkontinenz oder chronischer Durchfall sind tabuisiert.

Zwar haben geschätzte 800.000 Menschen mit Inkontinenz in Österreich Probleme, doch die wenigsten Menschen reden darüber, auch nicht mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin. Dabei könnten ÄrztInnen helfen, diese Beschwerden zu lindern oder sogar gänzlich aus der Welt zu schaffen. Wenn man sich auf die Suche nach den Ursachen für dieses Schweigen begibt, wird man meistens mit dem Begriff der Scham konfrontiert.

Scham empfindet, wer (auch unfreiwillig) gegen eine Norm verstößt, die er innerlich akzeptiert. Der Verstoß beschädigt das Bild, das er oder sie von sich selber hat – es sind somit durch die Krankheit die eigene Identität, das eigene Sein bzw. der eigene Wert betroffen und in Frage gestellt. Die natürliche Reaktion der Betroffenen besteht häufig darin, sich zu verstecken und zurückzuziehen.

Selbst in einer Therapie verbergen Menschen oft noch ihre Scham und ziehen es vor, über ihre Wut, Trauer oder Angst zu sprechen. Pauschalisiert gesagt, stehen z.B. unfreiwillige Ausscheidungen in der Wahrnehmung mancher Menschen für Kontrollverlust und Unreinlichkeit, Probleme in der Sexualität für mangelnde Stärke, Durchsetzungsvermögen oder Attraktivität. 

Darüber sprechen kann helfen

Dabei kann ein Nicht-Ansprechen von diesen Themen im ärztlichen Gespräch fatal sein! Die meisten Erkrankungen, die tabuisiert sind, könnten einfach und schnell behandelt werden, und die Menschen würden sich viel Leid ersparen, wenn sie nicht so lange warten würden. Denn wird ein Arztbesuch schließlich unumgänglich, ist die Krankheit oft unnötig weit fortgeschritten, das belegen auch viele Studien.

Aus diesem Grund ist es einerseits so wichtig, den Menschen die Scham zu nehmen, mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt über tabuisierte Themen zu sprechen, auf der anderen Seite ist es jedoch auch sehr wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte proaktiv und respektvoll von ihrer Seite aus die Möglichkeit einer solchen Erkrankung erfragen und ansprechen.

Ich höre immer wieder von PatientInnen, wie dankbar sie sind, weil ich z.B. das Thema Sexualität im Alter zur Sprache gebracht habe, Inkontinenz thematisierte oder das Thema Depression angesprochen habe. Wichtig ist es auch, Menschen schon im Vorfeld darauf aufmerksam zu machen, dass es zu schambesetzten Zuständen kommen kann, und sie diese unbedingt thematisieren sollen, wenn es soweit sein sollte.

Z.B. wenn Medikamente notwendig werden, welche zu Erektionsproblemen führen können oder die (vaginalen) Schleimhäute austrocknen können, was zu Juckreiz oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen kann. Es gibt mittlerweile gut erforschte und wirksame Kommunikationsmethoden, um PatientInnen so auf diese Themen anzusprechen, dass sie sich weiterhin sicher, wertgeschätzt und gut aufgehoben fühlen.

In der systemischen Psychotherapie heißt es: „Wenn wir uns daran machen, die Scham zu überwinden, bewegen wir uns auf vier Grundwerte zu: Menschlichkeit, Demut, Eigenverantwortung und Kompetenz. Dann können wir sagen, wir seien menschlich: nicht besser, aber auch nicht schlechter als andere, einzigartig und — so wie wir sind — gut genug.“