Keine Gesellschaft ohne Tabus

Spätestens seit die Exotik abgelegener Stammeskulturen die Neugier der VölkerkundlerInnen befeuerte, ist eines klar: menschliches Zusammenleben, wo und wann auch immer, ist keineswegs nur durch klar formulierte Denk-, Handlungs- und Verhaltensvorschriften geregelt. Was wir wann, wie und wo tun; was wir besser lassen, was wir betrachten und berühren; was wir sagen, worüber wir schreiben und was wir besser verschweigen: all das wissen wir irgendwie, ohne immer klare Begründungen parat zu haben.

Orientierungsvorgaben und Verhaltensbegrenzungen prägen und begleiten uns unser Leben lang. Streng genommen ab dem Moment, in dem wir das Licht der Welt erblicken. Manche Regeln sind für uns so selbstverständlich und ringen uns so viel Ekel oder auch Ehrfurcht ab, dass wir gar nicht über sie reden können, ohne Scham, Unwohlsein und Identitätsverletzungen bei uns selbst oder anderen zu riskieren. Solche Grenzmarkierungen, die das Sprechen, Tun, Denken und sogar Fühlen betreffen, sind Tabus.

Ohne Regeln, die Menschen über eine Zeit hinweg teilen und verinnerlicht haben, funktioniert nirgends auf der Welt gesellschaftliches Zusammenleben. Solche Institutionen, zu denen auch Tabus zählen, sind aber nicht einfach nur da. Sie sind Lösungen grundlegender Probleme des Miteinanders, die manchmal so weit zurückreichen, dass sie geradezu unverrückbar wirken. Das Besondere an Tabus ist aber ihre Absolutheit.

„Gruppen und Gesellschaften könnten nicht bestehen, wenn alle ihre inneren Widersprüche und Übel sich offenbarten.“ (Karl Otto Hondrich, Soziologe)

Im Unterschied zu Verboten entziehen sie sich ihrer Thematisierung, Erklärung und Durchregelung. Ganz einfach: „darüber spricht man nicht“. Allenfalls werden sie im Alltag beschönigend umschifft. Oder sie werden künstlerisch bearbeitet, etwa in Theaterstücken, die sich vom Tabubruch her entwerfen, wo z. B. Sexualitätsvarianten, Körperflüssigkeiten, unheilbare Krankheiten und Tod aufeinanderprallen.

Tabus markieren Themen, Taten, Dinge, Substanzen, Personen und Orte als zweifelsfrei unberührbar und sind dabei für einen selbst sowie für andere erstaunlich verbindlich. Tabus gehören damit zu den obersten kulturellen Orientierungsfolien. Im Unterschied zur geteilten guten Sache stecken Tabus die soziomoralischen Grenzen von Gesellschaften an dn Rändern der Extreme ab, indem sie das Denken, Handeln, Verhalten und Fühlen der Menschen auf Distanz zu diesen Extremen bringen.

Tabus und Tabuwandel heute

Tabus sind aber nicht unverrückbar. Zeitlich stabil sind nur wenige Tabuthemen, allen voran das des Inzests. Tabuthemen wandeln sich also. Keineswegs aber haben wir Kurs auf eine tabulose Gesellschaft gesetzt. Das trifft schon deshalb nicht zu, weil sich auch immer wieder neue Tabus abzeichnen.

Denken wir z. B. an den Umgang mit dem toten Körper, von dem Angehörige vor noch gar nicht allzu langer Zeit im heimischen Bett in Ruhe Abschied nahmen, während heute die Verbergungs- und Beseitigungsabläufe mit Höchstgeschwindigkeit greifen. Jedoch deutet sich heute eine womöglich folgenreiche Veränderung der Kommunikation von Tabus an, sind sie doch präsenter und häufiger thematisiert als vor noch gar nicht allzu langer Zeit.

Das liegt daran, dass heute Tabusysteme unterschiedlicher Kulturen ständig aufeinandertreffen. Die Gewissheit verinnerlichter Tabus wird damit permanent auf die Probe gestellt. Auf der Suche nach den Gründen dafür müssen wir gar nicht erst an den interkulturellen Kontakt verschiedener Ethnien denken. Individualisierte Gesellschaften sind in sich hochgradig fragmentiert, in unterschiedlichste Zugehörigkeiten und Gruppen, die wiederum je eigene Werte und Tabusysteme zum Ausdruck bringen.

Noch dazu erfahren wir fast täglich inszenierte Tabubrüche, die Veranstaltern und Protagonisten in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit als ein vielversprechender Einsatz erscheinen. Daran hängt das wohl markanteste Moment des Tabuwandels: die modernen Massen- und Digitalmedien. Das Sichtbarmachen von Körper und Körperflüssigkeiten, Sexualität, Andersartigkeit und Tod verschiebt beiläufig die konventionalen Grenzen des Ekels, des Absonderlichen und des Erhabenen und löst im Gleichschritt regelrechte Tabubestimmungslawinen aus.