Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller
Chefarzt der Stiftung Maria Ebene, Leiter des KH Maria Ebene

Niemandem ist es peinlich, über Rückenschmerzen, erhöhtes Blutfett oder eine Meniskusoperation zu erzählen. Viel weniger offen sind wir, wenn es um Harninkontinenz, Potenzstörungen, um Frauenleiden oder ekelhaft wirkende Krankheiten geht. Sie gelten als Tabu, das heißt keiner will sich dazu äußern oder etwas davon hören. Besonders ausgeprägt ist der Tabufaktor bei psychischen Störungen, etwa bei Angstzuständen, Depressionen oder Suchterkrankungen. Das Schweigen über sexuelle Bedürfnisse und Ängste, prämenstruelle Verstimmungszustände oder Minderwertigkeitsgefühle in den Wechseljahren führen zu partnerschaftlichen Problemen und oft auch zu Vereinsamung. Kaum irgendwo zeigt sich die Problematik der Tabuisierung klarer als bei Alkoholproblemen. Alkohol wird gehätschelt, bewundert und heroisiert. Sobald jemand aber Probleme mit diesem Wundermittel bekommt, lässt ihn die Gesellschaft fallen und belegt all seine Probleme mit der ganzen Macht des Tabus. Obwohl bereits jeder Dritte von psychischen Problemen betroffen ist, werden sie noch immer mit Charakter– oder Willensschwäche in Zusammenhang gebracht und mit moralischen Kategorien beurteilt.  
Der erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die deutsche Sprache aufgenommene Tabubegriff stammt aus dem polynesischen Kulturraum, wo er die doppelte Bedeutung von „unberührbar“ und „verboten“ hat. Das „Gebot, zu meiden“ – wie man den Ausdruck „Tabu“ übersetzen könnte – betrifft die zwei diametralen Aspekte des extrem Reinen und Unreinen, bedeutet also Schutz und Gefahr. Tabu steht für „etwas nicht ansprechen“, für eine fundamental empfundene Distanznahme. Solche „Schranken der Scheubarkeit“ entspringen instinktiven Haltungen und werden meist kulturell vermittelt. Sie stellen stillschweigende Übereinkünfte dar, reichen aber weit über geschriebene Gesetze und etablierte Sitten hinaus. Ohne dezidierte Worte sind sie um ein Vielfaches wirksamer als Gebote und Verbote.


Tabus prägen Gesellschaften

Tabus, welche sich auf Gedanken, Gefühle, Worte oder Handlungen beziehen können, sind ubiquitär verbreitet. Manche sind in fast jeder Kultur und Gesellschaft anzutreffen, so das des Inzests oder jenes der Todeswürde. Wieder andere sind vom Zeitgeist geprägt, wie jenes der eigenen Finanzlage oder der ethischen Haltung. Tabus können extrem beschränken und einengen, sie regulieren aber auch das soziale Verhalten, sie geben Schutz und wahren die Intimsphäre.
Zur Wahrung der auch dem Machterhalt dienenden Tabus wurden im Lauf der Geschichte verschiedenste Tabuwächter wie Medizinmänner, Schamanen oder Herrscher jeglicher Art mit enormen Privilegien ausgestattet. Da Tabubrüche gesellschaftliche Veränderungen, ja sogar Kriege auslösen können, sind sie gefürchtet und werden oft drastisch bestraft. Einzig der Narr hat seit jeher das Privileg, Tabus ungestraft ansprechen zu dürfen. Heute ist der Tabubruch zu einer Marke auf dem Weg zur tabufreien Gesellschaft geworden. Das Tabu wird enttabuisiert.


Den Tabus entgegenwirken

Krankheitstabuisierungen, welche rechtzeitige Diagnosestellung und Therapie oft entscheidend verzögern, können zu Verzweiflung, Isolation und manchmal sogar zum Suizid führen. Wenn man das Problem nicht einmal ansprechen kann, ist eine Heilung kaum möglich. In der Psychotherapie gelten als oberste Gebote, Überschattetes aufzuhellen, Verdrängtes zu definieren, Unaussprechliches anzusprechen und den Dingen einen Namen zu geben. Dadurch verlieren sie ihren Schrecken und lassen die Entwicklung wirksamer Gegenstrategien zu. Das Beispiel des heute oft inflationär verwendeten Begriffes „Burn-out“ beweist, wie durch Enttabuisierung der Schwermut die Depressionsbehandlung verbessert und verbreitert werden konnte.
Mit Tabus müssen wir behutsam umgehen. Den rechten Weg zwischen Denkverbot und Liberalisierung der Diskussionskultur zu finden, ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. In der Gesundheitsförderung, der Krankheitsprävention und Psychotherapie ist die Enttabuisierung elementar. Deswegen ist die Kampagne „Tabu“ aus ärztlicher Sicht sehr zu begrüßen.