Warum haben Sie sich als Allgemeinmediziner für den Schwerpunkt HIV / AIDS entschieden?

HIV / AIDS war während meiner Studienzeit in den 1980er Jahren eine aufkommende Krankheit. Damals ist AIDS hauptsächlich bei Drogenpatienten und homosexuellen Männern vorgekommen. Nachdem ich selber schwul bin, war ich der Überzeugung, dass das ein Thema ist, das einen schwulen Arzt umso mehr interessieren sollte. Es war eine bewusste Entscheidung, mich mit der HIV-Therapie zu beschäftigen. Deshalb habe ich zunächst bei der AIDS-Hilfe gearbeitet und schließlich meine eigene Praxis eröffnet, in der wir als Allgemeinmediziner auch HIV-Patienten behandeln.

Welche Fortschritte gibt es heute in der Behandlung?

In den 1980er Jahren war AIDS noch eine schicksalshafte und zum Tode führende Erkrankung. Medizinisch-wissenschaftlich gesehen, liegen Welten zwischen damals und heute. Wenn ein HIV-Patient heute eine Therapie bekommt, hat er praktisch eine normale Lebenserwartung. HIV / AIDS ist aus medizinischer Sicht kein sehr großes Problem mehr, da können wir extrem gut behandeln. Das eigentliche Problem ist das soziale AIDS. Nach wie vor trauen sich Menschen nicht, sich als HIV-positiv zu outen. Das ist ein Wahnsinn!

HIV-Infizierte bzw. AIDS-Erkrankte müssen also mit sozialer Diskriminierung kämpfen. Warum ist das so?

Das frage ich mich auch manchmal! Einerseits herrschen bei gewissen Bevölkerungsschichten Halbwahrheiten über AIDS und Unwissenheit über Infektionsmöglichkeiten vor. Das ist sicherlich ein Problem. Andererseits können selbst Fachärzte manchmal nicht richtig mit HIV-Patienten umgehen. Sich mit einer gewissen medizinischen Vorbildung zu informieren, damit keine unbegründeten Ängste entstehen, das sollte wirklich locker möglich sein. Im medizinischen Bereich müssen wir leider immer noch Grundlagenarbeit leisten.

Wie kann man diesen Problemen entgegnen?

Für die breite Bevölkerung ist es vor allem wichtig, dass jede und jeder weiß, wie man sich richtig schützt. Wobei man auch dazu sagen muss, dass in Österreich im Vergleich zu afrikanischen oder asiatischen Ländern die Durchseuchung von HIV relativ niedrig ist. Es gibt einfach nach wie vor massive Wissenslücken was die Infektionsrisiken betrifft. Bei einem unbehandelten Patienten, der keine HIV-Therapie bekommt, ist Blut, Vaginalflüssigkeit und Sperma infektiös. Wenn eine dieser drei Flüssigkeit in den Körper gelangen, dann ist ein potenzielles Infektionsrisiko vorhanden. Kein Risiko besteht, wenn eine der infektiösen Flüssigkeiten auf intakte Haut oder wenn irgendwelche andere Flüssigkeiten, etwa Schweiß, Harn, Stuhl oder Tränenflüssigkeit, in den Körper gelangen. Wenn ein HIV-Patient gut behandelt ist, dann sind selbst Blut, Sperma oder Vaginalflüssigkeit nicht mehr infektiös.

Wie wichtig ist das Zusammenspiel von physischen und psychischen Aspekten in der Therapie?

Es ist ganz wichtig, dass sich HIV-Patienten aufgenommen fühlen und dass man ihnen mit Empathie gegenübertritt. Wir haben ein Netzwerk von Fachärzten, von denen wir wissen, dass wir die Patienten hinschicken können und sie nicht schief angeschaut werden. Gerade bei frischen Diagnosen bräuchten wir aber dringend mehr Kassenplätze für psychotherapeutische Therapien.

Was muss gesellschaftlich noch getan werden? Welche Initiativen bräuchte es?

Die Aufklärungskampagnen, so glaube ich, sind wirklich optimal und erreichen Menschen, die sich damit beschäftigen möchten. Ich denke aber, dass es Identifikationsfiguren braucht, die sich trauen, sich in der Öffentlichkeit als HIV-positiv zu outen. Es war natürlich super, dass sich Life Ball-Organisator Gery Keszler heuer als HIV-positiv geoutet hat. Aber es wäre wichtig, wenn sich auch jemand aus einem ganz anderen Metier outen würde, etwa ein Sportler, Schauspieler oder Politiker. Damit kann man zeigen, dass man mit HIV sehr gut leben und gleichzeitig auch erfolgreich sein kann.