Stuhlinkontinenz, der unfreiwillige Verlust von Darminhalt, gilt als Tabuthema. Gibt es viele Menschen, die darunter leiden?

Wir gehen davon aus, dass sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung von Stuhlinkontinenz betroffen sind. Die Dunkelzimmer ist wahrscheinlich höher.

Mit welchen Problemen haben Betroffene im Alltag zu kämpfen?

Meiner Erfahrung nach trauen sich viele Menschen nicht, darüber zu reden. Man hat Angst vor peinlichen Situationen, vor Stuhlverlust und davor, dass es andere merken. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurück – sei es in der Partnerschaft, im Berufsleben oder in der Öffentlichkeit. Sie bleiben zu Hause, weil sie unangenehme Situationen vermeiden möchten.

Was sind die Folgeerscheinungen?

Der Druck im Alltag wirkt sich auf die Psyche aus. Angst, Ekel und Scham spielen eine große Rolle. Diese unangenehmen Gefühle können zu Depressionen führen. Die Menschen ziehen sich zurück, haben weniger soziale Kontakte und sind in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt.

Die gute Nachricht: Medizinische Hilfe ist möglich. Wie sieht diese aus?

Das Allerwichtigste ist, sich in einem Gespräch anzuvertrauen und die Ursachen zu eruieren. Die Untersuchungen tun nicht weh und sind weder peinlich noch unangenehm. Nach der Diagnostik entscheidet sich, ob konservative Behandlungsmethoden reichen – was häufig der Fall ist - oder ob ein operativer Eingriff empfohlen wird.

Worin liegen mögliche Ursachen für eine Stuhlinkontinenz?

Häufig liegt eine Schwäche oder ein Defekt des Schließmuskels vor. Die häufigste Ursache dafür sind Schwangerschaft und Geburt. Als Vorsorgemaßnahme kann ein regelmäßiges Beckenbodentraining wirken. Manchmal ist die Ursache rasch geklärt und PatientInnen haben zum Beispiel durch Medikamente, falsches Essen, Intoleranzen oder eine Darmentzündung immer wieder Durchfall, den sie nicht halten können. Wenn man sie therapiert, besteht auch das Problem der Stuhlinkontinenz nicht mehr.

Bei einer schweren Stuhlinkontinenz kann ein Stoma, ein künstlicher Darmausgang, Hilfe leisten. Warum scheuen sich viele PatientInnen davor?

Viele setzen sich zu wenig damit auseinander und glauben, ein Stoma verändere das Leben komplett. Eine schwere Inkontinenz ist mit einem künstlichen Darmausgang aber gut versorgt, der Patient gewinnt an Lebensqualität. Er kann heute so versorgt werden, dass sein Stoma für die Umwelt gar nicht bemerkbar ist und damit weitgehend einen normalen Alltag führen.

Worauf muss man sich dabei einstellen?

Natürlich ist ein künstlicher Ausgang ein massiver Einschnitt in das Körperbild und wird nur dann gelegt, wenn es keine alternativen Behandlungsmethoden gibt. Wichtig ist, dass der Patient psychisch akzeptiert, dass diese Art der Behandlung notwendig ist. Betroffene sollten außerdem wissen, dass man vor und nach dem Eingriff gut beraten und versorgt wird und nicht auf sich allein gestellt ist. Wenn man eine Partnerschaft hat, ist es wichtig, dass der Partner miteinbezogen wird.

An wen kann man sich als Betroffener als ersten Schritt wenden?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich vertrauensvoll professionelle Beratung zu holen: an den Haus- oder Facharzt des Vertrauens, an das Darmzentrum im Krankenhaus oder an die anonyme Hotline der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich.