Wie merkt man, dass ein Kind zu klein ist?

Meist kommen Eltern dann zu uns, wenn sie feststellen, dass sich das Kind im Vergleich zu Freunden oder Geschwistern nicht parallel entwickelt, sondern in seiner Körpergröße hinterher hinkt. Wir vermessen das Kind dann und erheben aufgrund von sogenannten Percentilen, auch Wachstumskurven genannt, ob es mit der Körpergröße im Vergleich zu anderen Kindern des gleichen Kulturkreises im Durchschnitt oder deutlich unter dem Durchschnitt liegt.

Ab welchem Lebensalter fällt es Eltern in der Regel auf, dass etwas mit der Größe ihres Kindes nicht stimmt?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche Kinder werden schon mit drei oder vier Jahren zu uns gebracht, andere kommen als Jugendliche oder junge Erwachsene. Denn in vielen Fällen stoppt das Wachstum erst nach Jahren der normalen Größenentwicklung aufgrund einer Krankheit. Und diese Problematik kann in jedem Kindes- und Jugendlichenalter auftreten. Wenn das betroffene Kind dann nach den Untersuchungen deutlich unterhalb der dritten Percentile liegt, muss man sich anschauen, welche Gründe es dafür geben könnte.  

Wie sieht eine solche Untersuchung dann aus?

Man bestimmt zu Beginn die genaue Größe und das exakte Gewicht des Kindes und stellt auf diese Weise fest, ob es wirklich unterdurchschnittlich groß ist oder nicht. Erst wenn die erhobenen Werte wirklich deutlich von der Norm abweichen, kommt es zu weiterführenden Untersuchungen. Zuallererst wird eine vollständige Wachstumskurve des Kindes angelegt. Dann wird das Wachstumspotenzial bestimmt, das zu einem großen Teil schon genetisch und familiär vorgegeben ist.

Groß gewachsene Eltern bekommen in der Regel auch eher große Kinder und umgekehrt. Der nächste Schritt ist dann eine Knochenalter-Untersuchung. Bei dieser Röntgen-Untersuchung der linken Hand wird festgestellt, wie weit das Kind biologisch schon entwickelt ist. Und wenn es notwendig ist, folgen daraufhin auch Hormontests, um zu schauen, ob genug Wachstumshormone vorhanden sind.

Sind eigentlich viele Kinder von Wachstumsstörungen betroffen?

Erfahrungsgemäß hat sich gezeigt, dass es sich bei den meisten Kindern, die mit Verdacht auf Wachstumsstörungen oder Kleinwuchs zu uns kommen und umfangreich untersucht werden, eigentlich um Normalbefunde und unterschiedliche Normvarianten handelt. Sprich: Sie sind halt von Natur aus eher zart oder eher klein gewachsen, aber weder kleinwüchsig noch krank.

Nur bei einem sehr kleinen Teil der Kinder, die mit Verdacht auf Wachstumsstörungen zu uns kommen, wird wirklich eine krankhafte Veränderung festgestellt, auf die man dann natürlich medizinisch entsprechend reagieren muss.

Also muss in den meisten Fällen gar nicht therapiert werden?

Genauso ist es. Nur bei wenigen Kindern, die beim Wachstumsverlauf und bei weiterführenden Untersuchungen Auffälligkeiten zeigen, muss etwas unternommen werden.

Diese auffälligen Kinder sind dann automatisch kleinwüchsig?

So kann man das nicht sagen, nein. Die geringe Körpergröße ist in der Regel lediglich ein Symptom. Unsere Größe ist ja auch von genetischen Faktoren, von chronischen Erkrankungen, von der Ernährung und vom psychosozialen Umfeld abhängig.

Und wenn dann wirklich therapiert werden muss?

Findet sich bei der Durchuntersuchung eine zugrunde liegende Erkrankung, die für das zu geringe Wachstum verantwortlich ist, wird die entsprechende Erkrankung therapiert. Das kann eine Lebererkrankung oder eine Herzschwäche sein. Auch Lungen- und Nierenerkrankungen können dafür verantwortlich sein, dass Kinder zu klein bleiben. Findet sich aber keine zugrunde liegende Erkrankung, dann müssen wir an hormonelle Ursachen denken.

Sollte ein solcher Mangel an Wachstumshormonen vorliegen, dann ist auch eine Hormontherapie möglich. Das kommt aber nicht oft vor. Selten, aber doch, kann auch ein sogenanntes Ullrich-Turner-Syndrom vorliegen. In solchen Fällen und bei SGA-Kindern, die ebenso oftmals zu klein und zu früh zur Welt kommen, ist eine Hormontherapie auch angedacht.

Wie muss man sich eine solche Hormontherapie vorstellen?

Das Wachstumshormon ist ein Eiweißhormon. Sprich, es kann zwar oral eingenommen werden, wird im Magen-Darm-Trakt aber wieder in Aminosäuren zersetzt und damit nicht als vollständig wirksames Hormon aufgenommen. Daher sollte es, ähnlich wie das Insulin bei Diabetikern auch, unter die Haut verabreicht werden. Meist reicht eine einmal tägliche Verabreichung des Wachstumshormons.

Durchgeführt wird diese Therapie dann solange, bis die Körperendgröße erreicht ist. Mit einer solchen Hormontherapie lassen sich bei Kindern acht bis zehn Zentimeter Körpergröße gewinnen.

Gibt es alternative Behandlungsmöglichkeiten?

Nein. Wenn eine Grunderkrankung gefunden wird, dann gehört die behandelt. Und wenn das Wachstumshormon in zu geringer Menge vorhanden ist oder ganz fehlt, dann muss es ersetzt werden. Andere Optionen bestehen da nicht, auch wenn die Frage häufig auftaucht.