Dr. Maximilian Rom
Leiter der Inkontinenz-Ambulanz im AKH Wien

Zum anderen aber auch unter der Tabuisierung in der Gesellschaft. Harninkontinenz ist eine Krankheit, über die man nicht spricht und die vielen Betroffenen peinlich ist.

 

„Von Inkontinenz betroffene Personen gehen in den unterschiedlichsten Stadien ihrer Erkrankung zum Arzt, je nach Leidensfähigkeit des Einzelnen. Der Großteil wartet aber sehr lange. Teilweise leiden Patienten Jahre oder gar Jahrzehnte darunter, bis sie sich ein Herz fassen und ihren Hausarzt dazu befragen“, erzählt Dr. Maximilian Rom, Leiter der Inkontinenz-Abteilung am AKH Wien, von seinen Erfahrungen mit dieser Krankheit. „Die meisten Patienten tolerieren unglaublich viel, bevor sie die Initiative ergreifen.“

 

Gleiche Krankheit, unterschiedlicher Leidensdruck

Die Dauer vom erstmaligen Auftreten der Erkrankung bis zum Gang in eine Ordination ist von der Leidensfähigkeit des einzelnen Patienten abhängig. „Es kommt darauf an, ob der Betroffene sportlich oder sexuell aktiv ist, ob er bettlägerig ist und vor allem in welchem sozialen Umfeld er lebt. Manche Patienten stört es nicht nennenswert, andere sind sogar selbstmordgefährdet“, so der Experte. Der Grund, warum sich der Großteil der Betroffenen mit diesem Thema relativ lange hinter dem Berg hält, ist nicht schwer zu erraten. Inkontinenz gilt im Gegensatz zu etwa einer Sportverletzung nicht als besonders rühmliches Problem, das Image der Erkrankung ist denkbar schlecht.

 

Inkontinenz als Hygieneproblem

Niemand spricht gerne über Hygieneprobleme, schon gar nicht mit Bekannten oder Freunden. Laut Dr. Rom brechen aber viele Betroffene beim Arzt ihr Schweigen und sind dann sehr erleichtert, es endlich jemandem gesagt zu haben. Der Inkontinenz-Experte führt die Tabuisierung dieser Erkrankung auch auf die mangelnde Aufklärung in der Bevölkerung zurück. Doch die zunehmende Überalterung der Gesellschaft macht eine genauere Aufklärung notwendig, die immer besseren Möglichkeiten zur Wissensweitergabe kommt Betroffenen und Experten dabei sehr zugute. Viele neu gegründete Selbsthilfegruppen und Informationsabende zum Thema Harninkontinenz ermöglichen die Aufklärung der Bevölkerung und somit eine langsame Enttabuisierung.  
 

„Mittlerweile hat die Medizin schon für jeden Patienten mit Harninkontinenz
etwas zu bieten.“

 

Dynamische Therapieansätze

Die Aussicht auf eine erfolgreiche Therapie kann schon helfen, die Angst vor der Inkontinenz zu nehmen. Dazu Dr. Rom: „Die Therapieansätze bezüglich der Harninkontinenz sind sehr dynamisch. Besonders auf der medikamentösen Seite gibt es ständige Weiterentwicklungen und Verbesserungen in der Therapie. Von der operativen Seite geht man heute im Gegensatz zu früher eher hin zu kleineren Eingriffen, die früher gerne gemachten großen Blasenoperationen gehören der Vergangenheit an.“ In Abhängigkeit davon, ob es sich um eine Drang- oder eine Belastungsinkontinenz handelt, sollte der richtige und optimale Zugang gewählt werden. „Die wirklich gute Nachricht ist, dass man mittlerweile schon für jeden Patienten mit Harninkontinenz operativ etwas zu bieten hat.“

 

Überwindung als erster Schritt

Was kann man Betroffenen raten, die sich nicht trauen, sich jemandem anzuvertrauen? „Denen kann ich nur raten, sich jemandem anzuvertrauen“, scherzt der Experte. „Denn wenn der erste Schritt einmal getan ist, steht einer Heilung oder zumindest einer Linderung nichts mehr im Weg. Man muss sich nur überwinden, diesen einen ersten Schritt zu tun. Wenn sich Betroffene nicht trauen, ins Krankenhaus zu gehen, kann es eine Erleichterung sein, mit dem Hausarzt in gewohnter Atmosphäre darüber zu sprechen. Weiters gibt es die Möglichkeit, sich an Selbsthilfegruppen zu wenden, ohne sich zu tief in die für viele Betroffene sehr abschreckend wirkende Therapiemaschine Krankenhaus hineinbegeben zu müssen.“