Herr Haider, Sie machen sich seit Jahren für die Belange von AIDS-Kranken und HIV-Positiven stark. Was bewegt Sie?

All diese Menschen, die HIV positiv sind, gelten als pervers. Sie leiden nicht nur unter dieser Krankheit, sie werden zudem aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Das ist das Stigma, welches diese Krankheit mit sich bringt. Die Öffentlichkeit sieht bei Problemen eher weg, anstatt zu reagieren. Deshalb ist es wichtig, miteinander zu reden. Letʹs talk together – letʹs test together. Lasst uns miteinander reden, aber auch testen.
 

Als Pate der AIDS Hilfe Wien engagieren Sie sich für die Europäische HIV-Testwoche. Worum geht es dabei und warum sind HIV-Tests so wichtig?

Die Menschen, sollen aufgefordert werden, sich auf HIV testen zu lassen. Wenn man frühzeitig reagiert, ist die Medizin heutzutage in der Lage, das Virus weitestgehend verschwinden zu lassen. Man trägt es zwar weiterhin in einigen Zellen, jedoch nicht mehr in einer solchen Menge im Blut oder Sperma, dass es ansteckend wäre. Das ist sehr wichtig: Heute kann ein HIV-Positiver unter bestimmten Voraussetzungen, z.B. einer guten HIV-Therapie, ungeschützten Geschlechtsverkehr haben ohne dabei seinen Partner real zu gefährden. Wenn du als Betroffener das Gefühl hast, wieder mit Freude eine Beziehung führen zu können, ist das schon ein halbes Leben weiter. Das ist auch Sinn und Zweck dieser Kampagne.

Leider wissen das nur die Wenigsten. Deshalb sollte man sich darüber informieren, reden, man sollte sich küssen und sich testen. Das ist der zentrale Satz: Informieren, reden, testen, küssen. Je schneller man testet, je schneller man drauf kommt, desto besser ist es für einen selbst und die eigene Gesundheit, als auch für das eigene Umfeld. Zudem spart man dem Gesundheitssystem viel Geld. Jeder der sich frühzeitig testen lässt, spart dem Staat, den Versicherungen und sich selbst irrsinnig viel Geld.
 

Wird das Thema HIV noch immer tabuisiert?

In unserer Gesellschaft haben wir noch immer keine Gleichstellung der sexuellen Freiheit. Selber schuld sind Worte, die man in diesem Zusammenhang noch viel zu oft hört. Zudem haben wir  gelernt wegzuschauen, wenn es weh tut. Es ist eine Krankheit, die man nicht greifen und richtig verstehen kann. Sie reißt Familie, Freunde, Partner, Bekannte und Unbekannte aus unserem Leben. Auf einmal sind sie weg.    

Ein guter Freund von mir ist leider vor Jahren an AIDS verstorben. Drei Tage bevor er gestorben ist, hat er mir am Sterbebett gesagt: „Meine Familie hat sich wegen meiner Krankheit von mir abgewendet – sie sind alle entsetzt von mir. Wenn ich Krebs hätte, wäre ich eine arme Sau. Weil ich AIDS habe, bin ich eine perverse Sau.“ Dieser Satz hat mich damals wochenlang heulen lassen.
 

Wieso erfahren Betroffene in unserer Gesellschaft eine solche Ablehnung?

Das liegt unter anderem daran, dass die Kirche zu lange gezögert hat, Menschen mit HIV oder Aids zu akzeptieren. Das Thema besteht seit über 25 Jahren. Es hat zwei Generationen gedauert, bis man offen darüber reden konnte. Oftmals werden Menschen, die sexuell anders sind, die Prostitution betreiben oder drogenabhängig sind, als Menschen auf unterem Niveau betrachtet. Das stimmt nicht: Es sind Menschen wie du und ich, die ein gleiches Recht auf Leben haben. Je schneller man diese Menschen aus ihrem Ghetto heraus lässt, desto schneller werden sie sich testen lassen und gegen die Krankheit vorgehen. Auch wenn HIV/AIDS nicht nur diese drei Gruppen tangiert, tragen diese dennoch das Stigmata. Ich hoffe auch vom neuen Papst in diese Richtung bald ein klares Wort zu hören.
 

Hat die Angst vor einer HIV Infektion in letzter Zeit abgenommen?

Die Sorglosigkeit ist gestiegen. Viele Menschen verzichten auf das Kondom, dabei ist das der wichtigste Schutz gegen HIV/AIDS. Medizinisch haben wir einen großen Fortschritt gemacht, trotzdem ist es besser man setzt auf Vorbeugung. Ich finde es unfassbar, dass bei aller medizinischer Modernität, die wir haben, AIDS-Kranke noch immer dermaßen aus unsere Gesellschaft ausgegrenzt werden. Das ist Dummheit, das ist Feigheit, das ist politisches Kalkül und vor allem Unwissenheit: Man kann über jemanden, der Angst vor AIDS hat, nicht schimpfen. Man muss den Menschen jedoch die Angst vor dem Umgang mit der Krankheit nehmen und sie ermutigen, sich testen zu lassen: Das ist kein Todesurteil, ich werde nicht bestraft, ich werde nicht ausgeschlossen.
 

Wie kann man dabei helfen, die Situation zu ändern?

Menschen wie ich – aus dem öffentlichen Leben – könne dazu beitragen, dass es mehr Diskussionen über das Thema gibt. Darüber hinaus gibt es viele Menschen, die hier ununterbrochen unterwegs sind, beispielsweise die ehrenamtlichen Helfer der AIDS-Hilfen Österreichs, die sehr viel leisten. Man muss die Politik zwingen hier wesentlich mehr beizutragen.