Barbara Karlich
Moderatorin, Journalistin und Publizistin 
Foto: ORF

Ein Gastkommentar von Barbara Karlich

 

Als die „Barbara Karlich Show“ im Jahr 1999 startete haben wir uns vorgenommen, das „Forum der Österreicherinnen und Österreicher“ zu sein. In meiner Sendung werden Menschen eingeladen, kontroversielle oder heikle Themen zu diskutieren, ihre Meinung ungeschminkt kund zu tun und von ihren Erfahrungen zu berichten. Sie dürfen und sollen ohne Schere im Kopf sprechen, müssen sich nicht an sogenannter politischer Corectness orientieren und brauchen keine Rücksicht auf die vorherrschende „allgemeine Meinung“ zu nehmen. Ich animiere meine Gäste, frei zu sprechen, zu sagen, was sie wirklich denken. Doch wie unterschiedlich und widersprüchlich die Ansichten und Denkweisen auch sind, wie delikat oder tabuisiert die angesprochen Themen erscheinen, sie werden gehört und mit Respekt behandelt.


Wir wollen darüber reden, aber alles zu seiner Zeit

Schweigen, das weiß ich aus meinem langjährigen Umgang mit Menschen, führt nie dazu, dass eine schmerzliche Erfahrung, ein quälendes Erlebnis sich auflöst und nicht mehr belastet. Im Gegenteil. So erzählen mir Kinder, die mit vermeintlich leiblichen Vätern groß geworden sind: „ich habe schon lang gespürt, dass da etwas nicht stimmt“.

Das diffuse Unbesprochene führt nicht selten zu psychosomatischen Störungen. Dann muss ein jahrelanger Leidensweg begangen werden, um die Ursachen zu finden und die Wunden zu heilen. Insofern: Reden, fragen, reden, zuhören! Doch ich weiß: Nicht jedes Thema passt zu jedem Zeitpunkt. Dann gilt auch für mich: Schweigen und auf eine neue Gelegenheit warten.


Der Kontext entscheidet mit

Als Moderatorin lebe ich damit, dass das Format „Nachmittags-Talk“ schnell als peinlich, provozierend, als unangebrachter Seelenstriptease abgestempelt wird, vor allem von jenen, die sich als „Ich sehe das ja nie, außer zufällig, wenn ich krank bin“ beschreiben. Doch diese abfällige Klassifizierung meiner Gäste kann und will ich nicht stehen lassen.

Seit Jahren beobachte ich, dass Gäste, die in Formaten, die Reportage, Feature, Dossier, Abendtalk, genannt werden, über Tabus sprechen, höher geschätzt, positiver bewertet und ernst genommen werden. Im Nachmittagstalk wird z.B. dieselbe Frau, die als Bub geboren und erzogen worden ist, abfällig als „voyeuristisch vorgeführt“ bezeichnet, aber im Rahmen einer Reportage als „mutiger und beispielgebender Mensch“ gelobt.

„Egal wie delikat oder tabuisiert die angesprochen Themen erscheinen, sie werden gehört und mit Respekt behandelt.“

 

Tabuthemen im Wandel

Tabuthemen sind nicht nur geographisch und gesellschaftlich unterschiedlich geartet, sondern auch temporären Veränderungen unterworfen. Die ersten Tabuthemen in meiner Sendung kamen aus den gängigen Themenkomplexen und beschäftigten sich mit Fragestellungen wie: Sind Schwule richtige Männer? Sind Transgender normale Menschen? Und muss sie auf Sex verzichten, wenn er impotent ist? Die Themen sind nicht verschwunden, aber 14 Jahre danach, werden sie anders, offener diskutiert. Die Gäste haben ihren Zugang zu den sogenannten Tabu-Themen geändert: „Schwule sind Männer, aber halt irgendwie anders“. Das Gleiche denken meine Gäste heute über Transgender. Die Entscheidung, ob eine Frau auf Sex verzichten soll, wenn er impotent ist, wird gern dem betroffenen Paar überlassen. Auch Themen wie Brustkrebs, Sterbehilfe, gleichgeschlechtliche Partner- bzw. Elternschaft werden heute kaum mehr als Tabu angesehen. Dafür drängen sich neue Tabus auf, sie sind im Schatten der alten, lauten Themen gewachsen und lösen sie ab. Oft spüre ich heute die Überwindung, wenn junge Frauen laut sagen: „Ich bin gerne Hausfrau und Mutter.“ Mit den Werten wandeln sich in unserer Gesellschaft auch die Tabuthemen.

Ganz verschämt sagte kürzlich ein Gast auf der Bühne: „Ich geb’s ehrlich zu … ich bin treu.“ Und ich geb zu: Wir wollen weiterhin darüber reden.