Em. Univ. Prof. Dr. Klaus Zapotoczky
Institut f. Soziologie, Johannes Kepler Universität Linz

Es ist verboten, man spricht nicht darüber und denkt höchstens mit einem gewissen Schauer über den Rücken daran – ohne dass es dazu festgelegte Regeln oder Gesetze gibt: Tabus sind so alt wie die Menschheit selbst. Das Wort Tabu stammt aus dem polynesischen Sprachraum, einer archaischen Gesellschaft in der die Verbote und Gebote – sei es im Umgang miteinander oder in Beziehung zum Göttlichen – vielfältig waren. Beispiele für diese stillen Regeln gibt es in der Geschichte viele. So galt etwa der biblische Berg Sinai als Tabu – unter Todesstrafe war es den Israeliten verboten, Moses dorthin zu folgen, als er die zehn Gebote von Gott erhielt.
 

Stilles Regelwerk?

Als stillschweigendes Regelwerk waren Tabus auch Teil vieler Gesellschaftsordnungen und regelten das Miteinander. Schon in den ersten modernen Gesellschaften – etwa bei den Griechen des Altertums – begann man im Rahmen der zunehmenden Rationalisierung, diese Tabus zu hinterfragen. Mit dem Fortschreiten von Technik und Wissenschaft wurde immer mehr erklärbar und damit auch fassbar; durch zunehmende Information und Kommunikation über Fragen und Probleme lösten sich viele Tabus in Luft auf. „Das darf man einfach nicht“ ist heute kein gültiges Handlungsmodell mehr, überholte Tabus wurden zu Recht aufgegeben. Doch die Sehnsucht nach Ordnung bleibt. Woran kann man sich also heutzutage halten? Was gibt uns Orientierung? Jeder Einzelne steht vor der Herausforderung, für sich selbst zu entscheiden, was man tun soll und was nicht. Es gilt die goldene Mitte zwischen Selbstbestimmung und Rücksicht auf andere zu finden.

 

Die Flucht ins Tabu

Dennoch gibt es immer noch ungelöste Fragen, für die der Mensch keine brauchbaren Erklärungen und vor allem keine Bewältigungsstrategien kennt. Dazu zählen etwa unheilbare chronische Erkrankungen. Viele Dinge, die dem Menschen wichtig sind, sind von Tabus besetzt. Etwa das Ende des Lebens. Ein Beispiel: Je besser die Heilungschancen bei Krebs wurden, desto eher wird diese Erkrankung in Öffentlichkeit und Medien thematisiert. Eine Krankheit wird beherrschbar, das Tabu wird überflüssig. Tabus kommen aber auch dann ins Spiel, wenn die Entscheidung zwischen richtig und falsch schwierig wird. Um heiklen Fragen aus dem Weg zu gehen, erfolgt oft die Flucht ins Tabu. Niemand kann entscheiden, welche Religion richtig oder falsch ist – wir erleben heute daher zunehmend eine Retabuisierung dieses Themas. Und auch gezielt eingesetzte Tabubrüche.

 

Enttabuisierung durch Vertrauen

Tabus haben keine lineare Entwicklung, auch in einer modernen Gesellschaft kommt es ständig zu Ent- und Retabuisierungen. Je nachdem, wo sich eine Gesellschaft gefährdet und angegriffen fühlt, entstehen neue Tabus. Der Aufbau eines Tabus ist meist ein langwieriger Prozess, durchbrochen werden können Tabus jedoch schnell. Viele Menschen fühlen sich in diesen Momenten ihres Ordnungsgerüsts beraubt und schutzlos. Information kann bei einer neuen Einordnung helfen, aber auch die Entstehung von Tabus behindern. Je besser ich mich in einem Gebiet auskenne und je mehr Informationen dazu vorhanden sind, desto fassbarer wird dieser Problemkreis für mich.

Die Flucht ins Tabu ist unnötig. Information, Kommunikation und vor allem Vertrauen sind die Grundbausteine, um überholte Tabus auch tatsächlich zu überwinden. Eine Enttabuisierung erfolgt nur dort, wo Menschen Vertrauen entwickeln. Im Falle einer chronischen Krankheit etwa in der Beziehung zwischen Arzt und Patient oder in der engen Familie ist Vertrauen meist die Regel, in anderen Bereichen muss Vertrauen bewusst und systematisch aufgebaut werden.