Der Name Gregor Schlierenzauer steht für ein Leben geprägt von Leistung, Siegen und vom „Höher-Schneller-Weiter“-Prinzip. Letztes Jahr haben Sie sich bewusst eine Auszeit davon genommen. Warum?

Ich habe innerlich gespürt, dass ich so nicht mehr weitermachen kann. Ich war energielos, ausgebrannt und wollte in meinen jungen Jahren einmal etwas anderes erfahren – abseits von essen, schlafen und trainieren.

Mein Weg als Spitzensportler hat schon sehr früh begonnen. Das ist ein sehr intensiver und schöner Weg, hat aber auch dazu geführt, dass ich mich irgendwann gefragt habe: Will ich das überhaupt noch? Deswegen habe ich mich dazu entschieden, ein Jahr Pause zu machen, um so Abstand zu gewinnen.

Wie schwierig ist es gerade im Sport, aber auch in unserer Leistungsgesellschaft, „Stopp“ zu sagen?

Es ist absolut nicht einfach, weil wir in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft leben. Wir werden dazu erzogen, dass Erfolg und finanzielle Mittel immer im Mittelpunkt stehen. Oft vergessen wir aber, dass wir im Leben wirklich das tun sollten, was uns Energie gibt und was uns Spaß macht. „Stopp“ zu sagen ist sicherlich keine einfache Situation, aber wenn man diesen Prozess durchmacht, eine sehr wertvolle Erfahrung.

Es ist wichtig, für sich selber zu reflektieren, wer man ist und was man will. Das sind schon sehr tiefgreifende Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind.

Welche Bedeutung hat in diesem Prozess die Suche nach sich selbst?

Ehrlich gesagt, hat man diese Fragen das erste Mal normalerweise in der Pubertät im Kopf: Welche Richtung schlage ich ein oder was möchte ich einmal werden? Mit diesen Themen habe ich mich eigentlich nie auseinandergesetzt. Wenn du als Skispringer talentiert bist, ist der Weg vom System vorgegeben. Ich hatte den Wunsch, mich einmal mit anderen Themen auseinanderzusetzen. Was gibt es eigentlich noch neben dem Sport? Ich brauchte einfach Zeit für mich selbst.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert und wer waren bzw. wer sind Wegbereiter und Wegbegleiter in dieser Zeit?

Mein engstes Umfeld, das heißt Familie und Freunde, hat mich immer unterstützt. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar! Natürlich hat es nicht jeder verstanden, warum ich mir als 26-Jähriger nun eine Auszeit vom Sport nehme. Man merkt sehr schnell, dass einige Menschen nur in Erfolgszeiten für dich da waren.

In der wirklich schwierigen und herausfordernden Zeit haben sich nur wenige bei mir gemeldet, auf die ich wirklich zählen konnte. Aber all jene, die für mich da waren, haben mich immer sehr darin bestärkt, neben dem Spitzensport auch andere Erfahrungen zu sammeln, um so wieder Energie zu finden. Und das hat mir auch menschlich gut getan.

Work Life Balance ist in aller Munde und jeder versteht etwas anderes darunter. Aber welche Bedeutung hat der Begriff für Sie persönlich?

Ich fühle mich immer dann in Balance, wenn ich etwas tun darf, das mir gefällt. Das gibt mir Energie. Gefährlich ist, wenn man eine Sache zu extrem betreibt und dabei auf alle anderen Dinge vergisst. Das kann zu einem Mangel führen.

Deswegen ist es wichtig, dass man nicht nur zu 100 Prozent seinem Beruf nachgeht, sondern auch andere Dinge genießt und einfach „Ja“ zum Leben sagt! In meinem Fall heißt das auch, dass ich kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich weniger trainiere. Wenn man den Blick nur auf eine Richtung fokussiert und dann etwas nicht funktioniert, bricht eine Welt zusammen. Das ist nicht nur im Leben eines Spitzensportlers so, sondern auch ganz generell.

Das Leben besteht also aus mehr als nur Arbeit. Aber wie kann man sich das vorstellen, wenn man mit seiner Arbeit so im Rampenlicht steht wie Sie?

Das ist das Los, das man als erfolgreicher Spitzensportler einfach zieht. Und genau das war auch ein großes Thema, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Ich habe einfach Zeit gebraucht, um damit klarzukommen, was da eigentlich in den letzten Jahren alles passiert ist.

Im Nachhinein betrachtet bin ich froh über meine Verletzung, die ich mir letztes Jahr zugezogen habe und die mir so zusätzlich Zeit geschenkt hat. Aber klar, es braucht natürlich Mut, in eine Richtung zu gehen, die einem persönlich Spaß macht und nicht unbedingt mehr Geld einbringt. Ich denke, dass das gerade für unsere jüngere Generation aufgrund der vielen Möglichkeiten nicht einfach ist.

Balance ist im Skispringen ein wichtiger Parameter. Wie schaffen Sie es, im Leben die richtige Abstimmung zwischen Anspannung und Entspannung zu finden?

Ich glaube, dass ich erst am Anfang stehe und was Lebenserfahrung betrifft, bin ich doch noch ganz grün hinter den Ohren. Dennoch habe ich erkannt, dass ich nicht nur Vollgas geben kann, sondern auch Ruhe und Zeit brauche. Für mich geht es damit auch um einen Gegenpol zum Sport. Aber wie dieser Gegenpol aussieht, bestimmt jeder für sich selbst.

Ich bin zum Beispiel ein großer Familienmensch und meine Familie gibt mir nach wie vor sehr viel Kraft. Aber wahrscheinlich ist es bis zum Schluss ein ständiger Reifeprozess, um drauf zu kommen, dass es nur sehr wenig braucht im Leben. Wenn man jeden Tag einzelne Glücksmomente findet, dann ist das großartig und einzigartig!

Viele Menschen erleben Phasen der Unsicherheit, Orientierungslosigkeit oder auch der körperlichen und mentalen Zwangspausen. Wie haben Sie es geschafft, weiterzugehen?

In erster Linie habe ich  mir Zeit für mich selbst genommen. Das ist natürlich ein Luxus, denn wer kann heute schon sagen, dass man ein Jahr mehr oder weniger nichts tut? Aber ohne psychologische Hilfe wäre ich nicht so schnell wieder aus dem Rad der Energielosigkeit herausgekommen.

Jede Krise kann auch eine Chance sein. Was können Sie anderen Menschen mit auf den Weg geben?

Ich glaube, dass es sich im Leben immer auf eines reduziert – auf Liebe. Liebe zu Dingen, aber auch zu Menschen. Natürlich gibt es Phasen, die sehr herausfordernd sind oder Phasen, in denen man sich viele Fragen stellt. Aber genau in diesen Phasen reift man und nimmt für sich selber am meisten mit, weil man weitergeht, Hürden überspringt und dabei sehr viel lernt.