Wiltrut Stefanek
Wiltrut Stefanek hat 1996 erfahren, dass ihr damaliger Mann sie mit HIV angesteckt hat. Sie kämpft seither gegen Vorurteile und für mehr Akzeptanz für Menschen mit HIV. Sie gründete den Verein Pulshiv, der die Interessen von Menschen mit HIV/AIDS vertritt.
© Daniel  Schwingenschlögl

Wie erfuhren Sie, dass Sie HIV-positiv sind?

Ich habe 1996 erfahren, dass mein damaliger Mann HIV-positiv ist. Daraufhin habe ich mich und unseren gemeinsamen Sohn testen lassen. Mein Test fiel positiv aus, der unseres Sohnes glücklicherweise negativ. Meine Ärztin sagte mir, dass mein Mann schon sehr lange HIV-positiv sein müsse, da seine Werte sehr schlecht wären. Später kam ans Licht, dass mein Mann es zwar wusste, mir aber nie etwas gesagt hatte. Ich war eine Frau, seit sechs Jahren verheiratet, ich hatte ein Kind, mit einem normalen und soliden Leben – wer glaubt schon, dass man HIV bekommen kann. Ich dachte immer, dass mich das nie treffen könnte.

Wie sind Sie mit der Diagnose umgegangen?

Im Nachhinein betrachtet war die Diagnose meine Rettung. Ich habe vorher ein sehr einsames Leben geführt. Mein Mann hat mich körperlich misshandelt, ich hatte immer Angst, dass er betrunken nach Hause kommt, dass er randaliert. Ich habe mich damals entschieden, zu kämpfen. Um mich als Frau, um mein Kind, um ein besseres Leben. Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich mit der Diagnose leben kann. Ich habe mich intensiv damit ausei-nandergesetzt und mich für ein Ja entschieden. Natürlich wäre ich lieber gesund und voll leistungsfähig. Doch das geht leider nicht. Man muss sich selber so akzeptieren, wie man ist. So gewinnt man auch die Akzeptanz des Gegenübers. Meine Familie steht glücklicherweise hinter mir, egal was passiert.

Haben Sie vielen Menschen von Ihrer Krankheit erzählen können?

Ich wollte offen damit umgehen, also habe ich mich auch öffentlich in den Medien geoutet. Meinen ersten Vortrag zum Leben mit der Krankheit habe ich ein Jahr nach der Diagnose gehalten. Frauen und HIV war damals einfach noch kein Thema in Österreich, man dachte es betreffe nur drogenabhängige oder homosexuelle Männer. Ich habe mich dann mit meinem Selbsthilfeverein stark gemacht, weil man auf diesem Weg viel mehr erreichen kann.

Wie empfinden Sie die Akzeptanz von HIV in der Gesellschaft?

Viele Menschen haben immer noch diese Vorurteile, ich merke das oft auch am eigenen Leib. Wenn beispielsweise die Krankenschwester zur Sicherheit vor der Untersuchung Handschuhe anzieht, wenn getuschelt wird oder böse Kommentare kommen. Es wird sehr unsensibel mit HIV und AIDS umgegangen und gleichzeitig heute wieder mehr tabuisiert als zuvor. Ich verstehe nicht, wieso diese Angst vor Personen mit HIV in den Köpfen der Menschen so präsent ist: Es ist das Jahr 2014, wir sprechen seit 30 Jahren über HIV. Wenn man die sehr fortschrittliche medizinische Entwicklung betrachtet, dann hinkt die gesellschaftliche Entwicklung im Vergleich stark hinterher. Das ist erschreckend.

Was müsste sich denn diesbezüglich ändern?

Wichtig wäre, dass sich die Menschen informieren und so lernen, ihre Ängste abzubauen. Die Diskriminierung von Personen mit HIV oder AIDS kommt ja oft aus einer Unwissenheit heraus – wie das auch in anderen Lebensbereichen oft der Fall ist. So sollten auch die Medien und die Politik ihren Beitrag zu einem offeneren Umgang mit der Krankheit leisten. Und schließlich sollten sich die Betroffenen bei Diskriminierung zur Wehr setzen, den Schritt wagen und sagen: „Ja, ich bin HIV-positiv, doch deshalb bin ich kein Mensch zweiter Klasse, sondern habe genauso meine Rechte“. Die Verantwortung für einen informierteren Umgang mit HIV und AIDS liegt bei allen.

Was raten Sie den Betroffenen?

Man muss sich bewusst mit der Krankheit auseinandersetzen und lernen, damit umzugehen und sich so zu akzeptieren, wie man ist. Die Medikamente sind im Vergleich zu den 90er Jahren besser geworden und mit viel weniger Aufwand und Nebenwirkungen verbunden. Man soll um seine Rechte und seine Lebensqualität kämpfen. Und darum, dass nicht immer nur über uns, sondern mit uns geredet wird. Gleichgesinnte und Menschen mit Gesprächsbedarf findet man in Selbsthilfevereinen für HIV. Ein vernachlässigtes Thema sind die Angehörigen. Ihnen fehlt oft die Möglichkeit offen über ihre Sorgen und Ängste zu reden. Daher ist es wichtig, dass wir gemeinsam Veränderungen herbeiführen und neue Perspektiven schaffen.