Ass.-Prof. Dr. med. univ.Armin Rieger
Leiter der HIV-Ambulanz am AKH Wien

Leider wird nur im Idealfall eine Infektion so früh nachgewiesen, dass man allen Aspekten sowohl hinsichtlich individueller Gesundheit als auch Gemeinwohl optimal gerecht werden könnte. Eine hohe Lebensqualität und ein langes Leben mit HIV sind heute jedoch durchaus möglich. Nur das Label „HIV-positiv“ wird man sein Leben lang nie wieder los. Ass.-Prof. Dr.med. Armin Rieger erklärt den medizinischen Umgang mit dieser epidemischen Infektion.

Wieviele Menschen sind in Österreich derzeit mit HIV infiziert?

Laut Erhebung im HIV-Kohortenbericht vom September diesen Jahres gibt es derzeit mit gewisser Unschärfe durch die Dunkelziffer knapp 8000 Menschen mit HIV/AIDS(1).

Besteht in Österreich die Möglichkeit der Infektion?

Natürlich. Im Allgemeinen kann HIV jeden treffen, das Risiko einer Infektion ist jedoch sehr unterschiedlich und maßgebliche Faktoren sind z.B. sexuelle Orientierung, Promiskuität, intravenöser Drogenkonsum, Herkunftsland. Infektionen erfolgen nicht notwendigerweise nur in Österreich – Tourismus mit sexuellen Kontakten in Hochprävalenzländern oder Immigration aus diesen Gebieten tragen ebenfalls zur Zahl der jährlichen Neudiagnosen bei.

Wann ist die Ansteckungsgefahr am größten?

Übertragen werden kann HIV natürlich in jedem Stadium. Bei einer unbehandelten HIV-Infektion ist am Anfang, also wenige Wochen oder Monate nach der Infektion des Betroffenen, die Transmissionswahrscheinlichkeit am größten. Gegen Ende, wenn AIDS ausgebrochen ist und eine sehr hohe Virusmenge im Blut vorliegt – wir können die Viruslast ja mittels der HIV-Polymerasekettenreaktion im Blut bestimmen – steigt das Übertragungsrisiko erneut an. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung wird jedoch auch von der Empfänglichkeit jedes Einzelnen mitbestimmt, Begleiterkrankungen und genetische Faktoren sind hierbei maßgeblich.

Und welche Personengruppe ist besonders gefährdet?

Epidemiologische Untersuchungen zeigen ganz klar, dass Männer die Sex mit Männern haben (MSM) jenes Kollektiv darstellen, welche die höchsten Zuwachsraten an HIV-Diagnosen aufweisen. In der Homosexuellen-, der MSM-Community ist die Prävalenz der HIV-Infektion per se schon hoch, Analverkehr ist mit einem höherem Übertragungsrisiko assoziiert, als andere Sexualpraktiken und nicht zuletzt  fördert auch noch die hohe Prävalenz anderer Geschlechtserkrankungen die Ausbreitung von HIV.  Ein homosexueller Mann, der sexuell aktiv ist und ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, ist einer beträchtlichen Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Vor allem bei hoher Promiskuität steigt dementsprechend das Risiko, sich zu infizieren. Schützen kann man sich und Andere durch die Verwendung von Kondomen, die sehr kostenintensive Präexpositionsprophylaxe (PrEP) und regelmäßige Bluttests auf HIV, aber auch Hepatitis und andere sexuell übertragbare Krankheiten (STD).

Wann sollte man sein Blut untersuchen lassen?

Der Zeitpunkt des Tests liegt in der Eigenverantwortung und sollte der aktuellen Lebensführung angepasst sein. Eine neue Beziehung, aber auch ein einmaliges Erlebnis kann ein relevantes Risiko darstellen, wenn der Partner z.B. aus einem Hochprävalenzland stammte oder ein Third Player in die Beziehung kam. Um das Übertragungsrisiko zu minimieren, braucht es Aufrichtigkeit und aufgeklärte Menschen, die informierte Entscheidungen zu treffen imstande sind und zudem willens und fähig, Verantwortung zu tragen. Wichtig ist, dass in den Lebensabschnitten mit einem riskanten Lebensstil regelmäßig auf HIV und andere STDs getestet wird bzw. beim Auftreten von Symptomen vereinbar mit einer akuten HIV-Infektion eine Testung veranlasst wird.

Man kann sich prophylaktisch auf HIV untersuchen lassen. Was folgt, wenn das Ergebnis positiv ist? Kommt man dann in Ihre Ambulanz? Und was geschieht dann?

Wichtig ist, nach dem Resultat „HIV-positiv“ unbedingt eine HIV-Betreuungsstelle (niedergelassener Arzt mit HIV-Erfahrung, spezialisierte Abteilung in einem Spital oder AIDS Hilfe) aufzusuchen. Das meint das beratende Gespräch zu den Konsequenzen, auch in Bezug auf die eigene Infektiösität und auf die derzeitigen und zukünftigen Geschlechtspartner, den Rat zum  Partnertracing und Testen des Umfeldes auf mögliche HIV-Transmissionen, eine Reihe von weiteren Blutuntersuchungen und natürlich die Aufklärung zu allen Aspekten einer HIV-Therapie.

Wie sehen Therapiemöglichkeiten aus?

Nun, es gibt zwar immer noch keine Heilung, aber HIV ist heutzutage eine chronische Erkrankung, die bei kontinuierlicher Behandlung im Zaum gehalten werden kann. Wenn frühzeitig mit einer Therapie begonnen wird, noch bevor die Anzahl der CD4-Zellen in den Keller gesunken ist und nicht noch zusätzlich schlecht behandelte andere Erkrankungen (z.B. Hepatitis, intravenöser Drogenkonsum) vorliegen, kann man davon ausgehen, dass der Patient eine annähernd oder vielleicht sogar idente Lebenserwartung mit einem HIV-negativen Menschen hat. Einzige Voraussetzung: er wird die gesamte Zeit mit modernen HIV-Medikamenten behandelt. Die neuen Mittel sind sehr patientenfreundlich einzunehmen und die zu erwartende Verträglichkeit ist ausgezeichnet. Seit einiger Zeit gibt es bereits Kombinationstherapien, deren Tagesdosis in einer einzelnen Tablette „verpackt“ ist.
Entscheidend ist, dass das Therapieregime auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt ist, denn eine Therapietreue ist wesentlich für den Ablauf und Erfolg einer Behandlung. Der behandelnde Arzt ist hierbei in jedem Fall auf die Mitarbeit des Patienten angewiesen.

Was bedeutet eine „erfolgreiche Therapie“?

Ein Ziel der erfolgreichen Therapie ist natürlich, die immunologische Situation so zu verbessern bzw. aufrecht zu erhalten, damit der Infizierte nie in das Stadium AIDS kommt.  Eine unbehandelte HIV-Infektion schafft zudem im Körper eine entzündliche Atmosphäre, sodass sich kardiovaskuläre Erkrankungen, wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Leber- und Nierenerkrankungen oder Tumore viel früher ausbilden können. Wenn also HIV supprimiert wird, sinkt parallel der Entzündungspegel auf ein niedrigeres Niveau und auch das Risiko für diese sogenannten Nicht-AIDS-definierenden Erkrankungen wird nachweislich verringert.

 

(1) Quelle: 26th Report of the Austrian HIV Cohort Study Innsbruck, September 30th, 2014