Univ.-Prof. Dr. Günther Rathner
Medizinische Universität Innsbruck, Obmann des Netzwerk Essstörungen

Wie genau werden Essstörungen definiert?

Essstörungen sind psychische Störungen, die allerdings einen falschen Namen tragen. Denn die Betroffenen könnten essen, wollen es allerdings nicht.

Welche Arten von Essstörungen gibt es?

Es kann zwischen Anorexie, Bulimie und Störung mit Essanfällen unterschieden werden. Anorexie wurde bereits 1873 erstmalig beschrieben. Damals betraf die Krankheit quasi nur die gesellschaftliche Oberschicht. Das hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings verändert; seither kommen sie in allen sozialen Schichten vor. Bulimie nahm in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts stark zu. Und dann gibt es noch die Binge Eating Disorder oder Störung mit Essanfällen, wie es bei uns genannt wird.

Wo liegen die Unterschiede?

Bei der Anorexie oder Magersucht kommt es zu einem Gewichtsverlust von mindestens 15 Prozent, weil die Personen zu wenig essen. Bei der Bulimie oder Ess-Brech-Sucht hingegen ist das Körpergewicht im Normalbereich (Körpermasseindex BMI 20-25 bei Erwachsenen) oder im leicht untergewichtigen Bereich. Es werden sehr große Mengen an Nahrungsmitteln zu sich genommen. Anschließend wird versucht, diese wieder loszuwerden. Dies geschieht entweder durch Erbrechen oder tagelanges Hungern. Was beide Erkrankungen eint, ist die irrationale Angst vor einer Gewichtszunahme. Bei der Störung mit Essanfällen werden auch große Mengen an Lebensmitteln konsumiert, allerdings wird nicht versucht, sich dieser wieder zu entledigen. Die Betroffenen werden dadurch oftmals adipös. Eine Besonderheit dieser Essstörung ist, dass ein Drittel der Erkrankten Männer sind.

Was sind die Ursachen?

Das ist nicht eindeutig geklärt. Diäten sind aber die Eintrittspforte zu Essstörungen. Essgestörte zeigen ein sehr geringes Selbstwertgefühl und soziale Unsicherheit und versuchen dies vergeblich durch Kontrolle über den Körper wettzumachen.
Welche Personengruppen sind besonders von Essstörungen betroffen?
Das Gerücht, dass auch Männer immer häufiger betroffen sind, hält sich seit langer Zeit, ist aber einfach falsch. Über 95 Prozent der an Anorexie und Bulimie erkrankten sind Frauen. Anorexie setzt oft ab dem Alter von 10/11 Jahren (Häufigkeitsgipfel bei 16 Jahren) und bei einem Prozent der weiblichen Bevölkerung ein. An Bulimie erkranken Frauen etwas später – zum Großteil mit 18 bis 20 Jahren. Dort sind es sogar zwei Prozent der Österreicherinnen.

Wie sieht die Behandlung aus?

Die Methode der Wahl ist eine Psychotherapie. Dabei kommen verschiedene Methoden zum Einsatz, z.B. kognitive Verhaltenstherapie oder interpersonelle Therapie. Es ist wichtig, dass es sich um eine störungszentrierte Psychotherapie handelt und vorerst die Symptome im Mittelpunkt stehen. Gewichtszunahme ist zwar die Basis für Besserung, reicht  aber nicht aus.

Kann eine Esstörung geheilt werden und wie lange dauert es?

Ich würde nicht von Wochen oder Monaten sprechen, sondern eher von längeren Zeiträumen. Natürlich kann man auch in fünf, sechs Monaten
einiges erreichen, aber sowohl Anorexie als auch Bulimie neigen zur Chronifizierung. Bei der Magersucht kommt noch hinzu, dass sie eine der höchsten Sterblichkeitsraten unter den psychischen Erkrankungen aufweist. Etwa ein Drittel ist chronisch anorexisch und die Hälfte davon, also ein Sechstel der Betroffenen stirbt an den Komplikationen der Anorexie. Das zweite Drittel leidet weiterhin an Symptomen der Sucht und das letzte Drittel gilt als geheilt. Bei der Ess-Brech-Sucht sind nach fünf Jahren rund 55 bis 60 Prozent kuriert.

Warum werden Betroffene oft nicht auf ihre Erkrankung angesprochen?

Weil es sich, wie bei allen psychischen Störungen, noch immer um ein Tabuthema handelt. Es ist sozial akzeptiert, sich den Fuß zu brechen, aber es ist nicht akzeptiert psychische Probleme zu haben. Leider werden Patienten auch oftmals vom medizinischen Personal stigmatisiert. Die Medien tun das Selbe. Der Schlankheitswahn ist im Fernsehen und den Magazinen allgegenwärtig (Glamourisierung), aber die grausamen Folgen von Essstörungen werden nur wenig behandelt (Tabuisierung und Stigmatisierung).

Was raten Sie Angehörigen?

Man sollte das Thema einfach ansprechen, allerdings in einer vom Essen unabhängigen Situation und nicht am Mittagstisch. In weiterer Folge sollte man professionelle Hilfe heranziehen. Außerdem ist es gerade für Eltern wichtig, den normalen sozialen Kontakt zu ihren betroffenen Kindern zu halten und viel mit ihnen zu reden: Angehörige sollten nicht selbst auf Essen, Figur, Gewicht usw. fixiert sein, sondern gemeinsam etwas unternehmen oder über andere Themen reden.