Ein typisches Fallbeispiel aus meiner Ordination:

Eine 50-jährige, berufstätige Frau:

„Herr Doktor, ich leide seit über drei Monaten an Blähungen, mein Stuhlgang hat sich verändert und ich fühle mich insgesamt viel schlechter als zuvor. Ich bin richtig depressiv geworden, obwohl ich sonst eigentlich immer ein fröhlicher Mensch war."

"Welche Untersuchungen wurden bisher bei Ihnen durchgeführt?"

"Ich bin schon gründlichst untersucht worden, inklusive Magen- und Darmspiegelung, alles ohne Ergebnis. Ultraschall und Computertomografie waren auch unauffällig, Nahrungsmittelunverträglichkeiten liegen nicht vor. Was kann das nur sein?“

"Sie sagten, dass sich Ihre Stuhlgewohnheiten geändert haben. Werden Ihre Beschwerden denn nach dem Stuhlgang besser?“

„Ja, deutlich!“

Bereits aus diesem kurzen Gespräch kann ein deutlicher Verdacht auf das Vorliegen eines Reizdarmsyndroms (RDS) abgeleitet werden. Berufstätige Frauen zwischen 30 und 50 Jahren sind besonders häufig betroffen, die vollständige symptomorientierte Durchuntersuchung hat keine Pathologie ergeben und typischerweise werden die Beschwerden nach dem Stuhlgang besser.

Überbordende Symptomvielfalt

Medikamentöse Therapien behandeln meist nur eines der vielen Symptome des RDS: Obstipations-dominantes RDS (RDS-O) wird zum Beispiel oft mit Laxantien und Ballaststoffen behandelt, beim Diarrhö-dominanten RDS (RDS-D) kommen Antidiarrhoika zum Einsatz. Auch krampflösende und entblähende Präparate werden häufig angewendet. Hypnose, Psychotherapie und Sport können ergänzend hilfreich sein.

Mittel der ersten Stunde

Gute Erfahrungen gibt es auch mit der Anwendung von Probiotika, also von lebenden Mikroorganismen, die dem Darm extra zugeführt werden. Diese Probiotika sind ein Bestandteil der gesunden Darmflora, die beim Reizdarmsyndrom deutlich beeinträchtigt sein kann. Es gibt mittlerweile zahlreiche klinische Studien zur Wirksamkeit von Probiotika bei RDS, und wenn auch nicht der allgemeine Schluss gezogen werden kann, dass Probiotika generell wirksam sind, so gibt es doch den Nachweis, dass bestimmte Bakterienstämme bei bestimmten PatientInnengruppen sehr wohl positive Wirkung zeigen.

Ein solches Beispiel ist Bifidobakterium infantis, das – wie der Name schon andeutet – zu den ersten Vertretern der Darmflora von gestillten Neugeborenen zählt. Dieses Bakterium haftet an der Darmschleimhaut fest und vermehrt sich dort rasch. Als sogenanntes Milchsäurebakterium verstoffwechselt es Zucker zu Milchsäure und senkt dadurch den pH-Wert in seiner Umgebung ab. Dies hat zur Folge, dass andere Mikroorganismen sich gar nicht oder nur in sehr geringem Umfang ansiedeln und vermehren können. Auf diese Weise hält sich Bifidobacterium infantis einerseits Nahrungskonkurrenten im Darm fern und schützt uns andererseits vor Infektionen mit Krankheitserregern. Bei RDS-PatientInnen konnte mit Bifidobakterium infantis eine deutliche Verbesserung vor allem der Schmerzsymptomatik erzielt werden.

Hilfe von Mutter Natur

Pflanzliche Wirkstoffe finden ebenfalls breite Anwendung beim Reizdarmsyndrom, und das zum Teil schon von alters her. Gut untersucht und in ihrer klinischen Wirkung belegt ist zum Beispiel die Pfefferminze (Mentha piperita). Die aus ihr gewonnenen ätherischen Öle wirken spannungs- und krampflösend und vermindern darüber hinaus die Schmerzwahrnehmung.

Weiters zu nennen wäre Curcumin, der Wirkstoff der Gelbwurz (Curcuma longa), der seit Jahrtausenden in der traditionellen Heilkunde eingesetzt wird. Curcumin hat entzündungshemmende Eigenschaften und trägt zur Normalisierung einer gestörten Darmflora bei. Neue klinische Studien zeigen eine stimmungsaufhellende und anti-depressive Wirkung von Curcumin, möglicherweise verursacht durch seine direkte Wirkung auf die Darm-Hirn-Achse.

Ganzheitliche Behandlung

Abschließend sei festgehalten, dass es für die Behandlung eines so komplexen und multifaktoriellen Krankheitsbildes wie dem Reizdarmsyndrom kein Patentrezept gibt. Eine medikamentöse Behandlung der einzelnen Symptome separat und für sich ist in manchen Fällen durchaus geboten, dennoch erscheint eine kombinierte Therapie, die den vielschichtigen Beschwerden von unterschiedlichen Ansatzpunkten aus begegnet, erstrebenswert.