Die Diagnose Darmkrebs ist eine enorme Belastung für die Betroffenen sowie die Angehörigen. Zunächst wird überlegt, wo man die beste Betreuung, Information, Behandlung und Therapie bekommen kann und dann wird noch das Internet als „Gesprächspartner“ auserkoren. In den meisten Fällen wird die Diagnose zunächst geheim gehalten.

Krebs ist in unseren Köpfen noch immer ein Todesurteil – darüber spricht man nicht gern und es möchte auch kaum jemand damit konfrontiert werden, da man in solchen Situationen meistens hilflos ist und nicht die richtigen Worte findet.

Erleichterndes Öffnen

Als mein Mann die Diagnose Darmkrebs bekam, tat er in meinen Augen das einzig Richtige: er erzählte es jedem und plötzlich erfuhr man, wer noch alles diese Erkrankung hatte, ohne je darüber gesprochen zu haben. Für viele war es eine Erleichterung und Hilfe, einen Gesprächspartner zu haben, mit dem man Sorgen und Probleme teilen kann.

Krebs ist keine Schande und kann jeden treffen. Heute kann unsere moderne Medizin sehr viel ermöglichen. Viele Krebserkrankungen sind heilbar und die Überlebenszeit bei guter Lebensqualität ist sehr angestiegen. Warum soll ich mich belasten und diese Erkrankung verschweigen?

Vor einiger Zeit konnte ich einem Vortrag von Herrn Prof. Dr. Maximilian Gottschlich von der Universität Wien entnehmen, dass es Studien gibt, die belegen, dass PatientInnen, die über ihre Krankheit sprechen, nicht nur bessere Heilungschancen, längeres Überleben und auch bessere Lebensqualität haben. Die eigene Last wird aufgeteilt.

Wirkende Selbsthilfe

Unsere heutige Gesellschaft will mit negativen Dingen nicht belastet werden, die aber leider zum Alltag gehören. Die Erkrankung meines Mannes und sein Umgang damit, haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, diese Erkrankung und alle belastenden Nebenwirkungen anzusprechen, und hat aber auch gezeigt, wie wenig die Menschen darüber wissen.

Im Jahre 2004 hat mein Mann – Dr. Martin Thurnher – mit seinem Onkologen Prof. Dr. Heinz Ludwig die "Selbsthilfe Darmkrebs" gegründet und mit vielen Vorträgen und Medienarbeit die Erkrankung gesellschaftsfähig gemacht. Man sprach plötzlich über die notwendige Koloskopie ab dem 50. Lebensjahr, sie wurde in die Gesundenuntersuchung integriert und war kein Tabuthema mehr.

„Tage der Darmgesundheit“, die wir österreichweit veranstaltet haben, wurden von vielen Menschen besucht und am jährlichen „Langen Tag des  Darmes“ im Museumsquartier kommen immer mehr Zuhörer und  stellen öffentlich Fragen zu ihren persönlichen oder familiären Problemen. Aufklärung ist ein wesentlicher Faktor, um Tabus aufheben zu können. Wir sprechen sehr offen über Probleme in  Beziehungen, sexuelle Probleme etc. – nur eine Krankheit darf nicht vorkommen?

Reden als Therapie

Eine Krebserkrankung ist sehr oft auch eine Chance, etwas im Leben zu ändern. Sie kann Mut geben, das eigene Leben anders zu gestalten und auf Mitmenschen weniger Rücksicht zu nehmen. Das heißt, auszusprechen, was einem belastet, sich zu befreien. Man erfährt, wie viele andere Menschen in der gleichen Situation sind, und dies hilft und unterstützt enorm. Niemand ist mit seiner Erkrankung ein Einzelfall.

Wie wichtig dieser Austausch ist und wie viele Tabus gebrochen werden können, sehen wir bei den Treffen unserer Selbsthilfegruppe. Die TeilnehmerInnen tauschen sich über Probleme mit dem Stoma aus, über Erfahrungen mit der Ernährung und deren Verträglichkeit sowie auch über Belastungen in der Familie und am Arbeitsplatz wird gesprochen. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ – ein Sprichwort, dass sich in solchen Situationen bewahrheitet und sehr oft auch zu neuen Freundschaften führt.