Ass.-Prof. Dr.med.univ. Armin Rieger
Leiter der HIV-Ambulanz am AKH Wien

HIV ist nach wie vor nicht heilbar, dennoch hat es den Schrecken von vor 15 Jahren verloren. Wird das Thema manchmal zu sehr verharmlost?

 

Generell wird HIV schon noch als etwas Schreckliches wahrgenommen und es gibt noch immer zahlreiche Vorurteile und teilweise unberechtigte Ängste, was die Übertragung betrifft. Es hat nur in bestimmten Bevölkerungskreisen seinen Schrecken verloren.  


Welche Personengruppen brauchen mehr Aufklärung?

Prävention muss differenziert erfolgen und vor allem auf Risikogruppen fokussiert sein. Zwei unterschiedliche Bevölkerungsgruppen erscheinen diesbezüglich überaus wichtig: Migranten aus Hochprävalenzländern und Männer, die Sex mit Männern haben. Allerdings entsteht eine gewisse Ambivalenz daraus. Gerade letztere Gruppe ist üblicherweise sehr gut informiert, auch über die Fortschritte in der Therapie. Der Umgang mit der Infektion wird dadurch etwas sorgloser, weil für die Betroffenen klar ist, dass HIV bzw. AIDS kein Todesurteil mehr ist.

 

„Solange Homosexualität von einigen Menschen kritisch beäugt wird, wird man auch HIV und AIDS nicht enttabuisieren können.“


Wie steht Österreich im internationalen Vergleich da?

Vergleicht man die Zahl der Infizierten Österreichs mit der von anderen westeuropäischen Ländern, so ist die HIV-Prävalenz hier sehr niedrig. In Österreich liegen um die 8.000 HIV-Infektionen vor. Auch die jährliche Zahl der HIV-Neudiagnosen blieb über das letzte Jahrzehnt mit 400 Neudiagnosen pro Jahr im Wesentlichen konstant. Die Zahl der AIDS-Fälle ging seit den späten 90er-Jahren stark zurück.


Welche Auswirkung hatder Zeitpunkt der Diagnose auf die Behandlung, das Ansprechen auf Therapien und die Weiterverbreitung?

Je früher die Diagnose gestellt werden kann, desto besser ist es für den Betroffenen und die Gesellschaft. Es ist wesentlich leichter, das Immunsystem zu schützen und das Auftreten von Immunschwächen durch Medikamente zu verhindern, als ein angegriffenes System wiederherzustellen. Für die Allgemeinheit ist es von Vorteil, weil sich der Infizierte vom Zeitpunkt der Diagnose an richtig verhalten kann und damit auch andere Menschen schützt.
 

Welche Therapiefortschritte gab es in den letzten Jahren?

Die Medikamente sind in mehrfacher Hinsicht verbessert worden. Einerseits konnte die antivirale Wirkung gesteigert werden und andererseits sind die Substanzen wesentlich verträglicher und patientenfreundlicher als noch vor einigen Jahren. Dies ist besonders wichtig, weil sie über einen langen Zeitraum regelmäßig eingenommen werden müssen. Durch eine größere Bandbreite an verschiedenen Mitteln kann individueller behandelt werden.


Wie sieht eine Therapie aus?  

Bei früher Diagnose der HIV-Infektion und ohne Einschränkung in der Empfindlichkeit des HI-Virus reicht meist die Einnahme von einer Tablette pro Tag. Die muss allerdings kontinuierlich an 365 Tagen im Jahr und möglichst zur selben Uhrzeit erfolgen, um eine bestmögliche und langfristige Wirkung zu gewährleisten.

 

Wie kann man dazu beitragen, das Thema HIV zu enttabuisieren?

HIV hängt teilweise mit anderen Themen zusammen, die in unserer Gesellschaft leider noch immer tabuisiert werden. Solange zum Beispiel Homosexualität von einigen Menschen kritisch beäugt wird, wird man auch HIV und AIDS nicht enttabuisieren können.