Was genau ist Osteoporose aus medizinischer Sicht eigentlich?

Osteoporose ist ein dynamischer Prozess im Knochengewebe, der dazu führt, dass die Dichte und die Architektur des Knochens weniger werden. Dadurch verschlechtern sich die Materialeigenschaften des Knochens, er bricht leichter.

Wie kommt das zustande?

Durch den normalen Alterungsprozess, aber auch durch eine Fülle von Ungleichgewichten im Stoffwechsel, durch eine Veränderung der hormonellen Balance oder der statischen Voraussetzungen der Bewegung und des Gewichtes. Ein Knochen, der weniger gebraucht wird, wird sofort herunterreguliert und weniger nachgebildet. Das ist ein sehr empfindliches Regulationssystem – wir kennen das auch von Aufenthalten im Weltall oder bei bettlägerigen PatientInnen. In diesen Fällen werden weniger Knochen gebraucht.

Gibt es auch andere Ursachen?

Ja, jede Menge von krankhaften Zuständen, die ebenfalls dieses Ungleichgewicht zwischen Knochenaufbau und Knochenabbau bedingen. Das können Verdauungskrankheiten sein, die ausreichende Kalziumaufnahme verhindern, aber auch Nierenkrankheiten, die zu einem Ungleichgewicht führen. Bei jüngeren Menschen können Essstörungen sein, entzündliche Erkrankungen, Lebererkrankungen oder ein Vitamin-D-Mangel. Vorbeugen kann man durch ausgewogene Ernährung und sportliche Bewegung.

Wer kann davon betroffen sein – gibt es da bestimmte Risikogruppen?

Generell kommt Osteoporose bei etwa zehn Prozent einer Bevölkerung vor, in Österreich sind also rund 800.000 Menschen betroffen, davon drei Viertel Frauen. Wir wissen um einen genetischen Zusammenhang. Wenn einmal in einer Familie Osteoporose erkennbar wurde, dann trägt man ein genetisches Risiko mit sich, das im Laufe eines Lebens ausschlaggebend werden kann. Dazu kommen manche Medikamente, etwa Cortison, Antiepileptika oder Blutverdünnungsmittel.

Wie lange ist die Erkrankung schon bekannt?

Es gibt sie schon seit jeher, das wissen wir etwa von mumifizierten Pharaonen aus dem alten Ägypten. Besonders verdient gemacht haben sich Albright und Reifenstein, die um 1950 Osteoporose als Krankheit und nicht als Alterungsprozess erkannt haben.

Gibt es da jüngere Forschungsentwicklungen, die besonders nennenswert sind?

Natürlich, ja. Mit dem Einzug der Molekularbiologie in die Medizin hat man sehr viel mehr Details erkannt. Wir kennen heute ungefähr 15 Kandidatengene, deren Vorkommen bei einem Menschen 20, 30 Jahre später zur Osteoporose führen kann. Allerdings kennen wir noch nicht DAS Osteoporosegen. Durch viele Erkenntnisse, speziell im Bereich der Antikörper, ist heute aber eine viel zielgenauere Therapie möglich als noch vor wenigen Jahren.

Wie sieht die Therapie denn heute aus?

Wir haben zwei Substanzgruppen. Die eine soll den Knochenabbau bremsen. Die anderen Medikamente sind solche, die direkt auf den Knochenaufbau abzielen. Wir nennen das antiresorptive und anabole Medikamente. Es werden in  beiden Medikamentengruppen bereits Antikörper entwickelt, die wir sehr bald einsetzen können. Über diese hinaus muss man natürlich noch jedes Defizit, sei es etwa Kalzium oder Vitamin D, ausgleichen. Durch die laufend erzielten Forschungsergebnisse wird die Krankheit für PatientInnen immer weiter erleichtert. Außerdem helfen sogenannte Rückenorthesen, die Wirbelsäule aufzurichten.

Wo können sich PatientInnen heute Hilfe holen?

Leider wird Osteoporose meist zu spät diagnostiziert, weil man sie oft erst dann erkennt, wenn ihre Folgen schon sehr deutlich sind. Die Knochendichtemessung macht allerdings mittlerweile fast jeder niedergelassene Radiologe. In den vergangenen Jahren ist sehr viel Aufklärungsarbeit passiert, also wissen auch praktische Ärzte bereits sehr gut Bescheid. Da kann schon einiges abgefangen werden. Darüber hinaus gibt es in Wien und den Landeshauptstädten überall bereits hochspezialisierte Zentren, wo wirklich gut geholfen werden kann. Dazu kommen noch zahlreiche Selbsthilfegruppen, die wirklich großartige Arbeit leisten.