Mobilität ist für einen beinamputierten Menschen sicherlich ein Reizthema, Prothesen das Mittel der Abhilfe. Aber Wohlbefinden erreicht man mit ihnen doch nicht?

Eine Prothese kann niemals das fehlende Körperteil zu 100 Prozent ersetzen. Oft hört man von Vorteilen durch Sportprothesen, weil diese leistungsfähiger seien als das entsprechende menschliche Körperteil. Dabei wird aber außer Acht gelassen, dass die Anbindung an den Stumpf immer noch eine Schwachstelle ist.

Das Ziel ist natürlich, dem Zustand vor der Amputation so nahe wie möglich zu kommen, aber ein Prothesenträger hat immer einen höheren Energieaufwand als ein Nicht-Amputierter. Ziel ist also, diesen Energie-Mehraufwand zu reduzieren und das Gehen auf unterschiedlichen Untergründen und Hangneigungen, auch Treppensteigen mit möglichst komplettem Bodenkontakt zu erreichen.

Wie wird das technologisch realisiert?

Man teilt Amputierte in verschiedene Gruppen, je nach Auslöser der Amputation, für die es verschiedene Formen der Prothesen gibt. Neben mechanischer und hydraulischer werden mittlerweile auch Gelenke mit elektronischer Steuerung produziert. Ein Carbonfederfuß beispielsweise speichert Energie und gibt sie auch wieder zurück.

Üblicherweise werden kurz nach der Amputation aber gelenklose, also steife Prothesen verabreicht, sodass unter anderem Oberkörper und Hüfte neuartige Bewegungen kompensieren müssen. So kann es in Folge zu vorzeitigem Verschleiß im Lenden- und Rückenbereich und zur Ausbildung von Arthrosen kommen. Prothesen mit beweglichen Gelenken ermöglichen dem Träger ein unbeschwerteres Leben mit deutlich höherer Qualität und vielen Verbesserungen im Alltag.

Aber die Bewegungen bleiben steif?

Es gibt mehr Unterschenkel- als Oberschenkelamputierte. Hier sind also das Knöchelgelenk und der Fuß von tragender Bedeutung. Beim Gehen in der Ebene liefert nämlich das Knöchelgelenk den größten Anteil der Energie. Zahlreiche Studien belegen, dass Prothesenträger mit beweglichen Knöchelgelenken mobiler und sicherer werden und weniger Schmerzen im Stumpf haben, weil vielseitigere Bewegungsabläufe möglich sind.

Der Stumpf ist ja nicht dafür gemacht, in einen Schaft zu passen, Druckstellen sind mögliche Folgen.

Bei den Oberschenkelamputierten geht es auch oft in die Richtung mikroprozessorgesteuerter Kniegelenke, die dem Anwender ermöglichen, alternierend Treppen auf- und abzugehen (Stufe für Stufe). Eine Herausforderung stellt die Verbindung von Knie- und Fußgelenk dar, die für den Anwender deutlich mehr Vorteile in puncto Sicherheit, Anpassung und Energieverbrauch bieten.

Ursprünglich arbeiten bei Oberschenkelprothesen Knie- und Fußgelenk noch unabhängig voneinander. So kann das System auch aktiv bremsen für mehr Sicherheit beim Bergab-Gehen und beim Bergauf-Gehen zur Unterstützung leicht schieben.

Was müssen Prothesenträger grundsätzlich lernen?

Generell wird nach der Amputation erst einmal rehabilitiert, um den ganzen Körper wieder ins Lot zu bringen. Häufig verwendet man am Anfang gelenklose Produkte, sodass der Anwender sich ein neues, ein unflexibles Gangbild aneignen muss. Würde gleich mit beweglichen Gelenken gearbeitet, würde dieser Lernprozess sicherlich leichter fallen, denn der bewegliche Knöchel imitiert das Fußgelenk.

Das Gehen mit einer Prothese ist nichts Natürliches, der Stumpf braucht zudem eine Zeit, bis er seine endgültige Form erreicht, es können sich Ödeme bilden. Deshalb muss die Prothese im ersten halben Jahr immer wieder angepasst werden. Auch die psychische Nachbehandlung darf nicht ignoriert werden: Betroffene müssen aufgeklärt und dürfen nicht allein gelassen werden.

Wie gewöhnt man sich an eine Prothese?

Man hat bei den elektronischen Prothesen eine, bei den mechanischen zwei Wochen Zeit zum Testen. Viele Orthopädietechniker werden von Prothesenherstellern geschult, ihnen werden Aufbau, Wirkweise und Einstellungen der Prothesen erklärt. Viele Anwender können dann schon allein unter Anleitung des Orthopädietechnikers eine Testversorgung durchführen und fühlen sich mit den beweglichen Prothesen sofort sicherer, bequemer und kommen dem Körpergefühl vor der Amputation nahe.

Die Eigenwahrnehmung (Propriozeption) kehrt zurück, auch wenn die Reizsensoren nicht mehr da sind und in ein bis zwei Stunden hat der Anwender sein natürliches Gangbild wieder.

Wie werden die Prothesen befestigt?

Die Anbindung zwischen Stumpf und Schaft wird heutzutage durch ein sogenanntes Unterdruckverfahren realisiert. Durch die Beweglichkeit des Knöchelgelenks kann dieser Unterdruck ständig erzeugt werden. Dieser Unterdruck darf nicht zu hoch sein, und liegt in der Regel bei ca. 0,6 bar.

Anderenfalls wird die Prothese mit einem Metallstift (Pin) an einem Silikonüberzug am Stumpf befestigt. Hier wirkt unter anderem die Schweißbildung störend. Deshalb wurden perforierte Silikonliner entwickelt, damit der Schweiß ablaufen kann.

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