Wie kommt es zu Inkontinenz?

Lassen Sie mich bitte zuvor eine Sache festhalten: Leider handelt es sich bei der Inkontinenz, also dem unfreiwilligen Harnabgang, im Volksmund Blasenschwäche genannt, immer noch um ein Tabuthema. Das ist nicht in Ordnung, denn letztlich handelt es sich um eine Erkrankung wie jede andere auch. Jedenfalls ist es keine Schande, darunter zu leiden – und es ist auch kein unabänderliches Schicksal.

Welche Arten der Inkontinenz gibt es?

Es gibt verschiedene Formen von Inkontinenz, die in den einzelnen Lebensaltern unterschiedlich häufig auftreten: Die Dranginkontinenz ist ein plötzlich auftretender, sehr starker und nicht beherrschbarer Harndrang mit anschließendem, unwillkürlichen Harnabgang. Ursache dafür ist eine Überaktivität oder eine zu große Empfindlichkeit der Harnblase.

Die andere Form ist die Belastungsinkontinenz. Hier führt eine plötzliche Druckerhöhung im Bauchraum, etwa Lachen, Niesen oder Heben von Lasten, zu unkontrolliertem Harnabgang. Dafür verantwortlich ist eine Schwäche des Blasenschließmuskels und des Beckenbodens.

In welchem Alter sind die meisten betroffenen?

Es ist zu betonen, dass unfreiwilliger Harnabgang altersunabhängig auftritt. Die weitverbreitete Annahme, es handle sich um eine selbstverständliche Konsequenz des Älterwerdens ist absolut nicht wahr. Natürlich steigt mit dem Alter die Wahrscheinlichkeit dieses Leidens, aber unfreiwilliger Harnabgang kann Menschen jedes Lebensalters treffen.

In den Altersgruppen über 65 Jahren ist es bei Frauen die Kombination von Belastungs- und Dranginkontinenz, seltener findet sich die reine Dranginkontinenz, meist bei älteren Männern. Bei jüngeren Frauen stellt die Belastungsinkontinenz die häufigste Ursache für unfreiwilligen Harnabgang dar.

Welche verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Für jede Art der Inkontinenz gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Zur Auswahl stehen etwa Verhaltenstherapie oder Medikamente. Bei einer Belastungsinkontinenz ist Beckenbodentraining oft eine sehr wirkungsvolle Therapie. Hierbei sollte allerdings physiotherapeutische Hilfe herangezogen werden, um maximale Effektivität zu gewährleisten. In der Regel bewirken die Therapien umso mehr, wenn sie in Kombination mit einer Umstellung der Lebensgewohnheiten stattfinden.

Was ist aus Patientensicht beim Arztbesuch am meisten zu beachten?

Wichtig ist vor allem, dass wirklich frühzeitig ein Arzt aufgesucht wird. Je früher er konsultiert wird, desto mehr kann er helfen und Hilfe vermitteln. Welche Behandlungsmethode ausgewählt wird, hängt von der Art der Inkontinenz und ihrer Intensität ab. Mit einer wenig belastenden Operation kann man bei Belastungsinkontinenz, wenn der Erfolg des Beckenbodentrainings ausbleibt, meist ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielen.

Und keine Sorge: Der Arzt wird Sie ernstnehmen. Als inkontinenter Patient haben Sie eine Krankheit, für die Sie genauso wenig können wie für jede andere Krankheit. Wer rechtzeitig zum Arzt geht, hat sehr hohe Chancen, sein Leben wie bisher ohne Einschränkungen weiter leben zu können.

Wie sieht es eigentlich im Bereich der Forschung aus? Gibt es neuere Erkenntnisse oder Behandlungsmethoden?

Heute ist man so weit, dass man eine überaktive Blase durch Botulinumtoxin-Injektionen über einen langen Zeitraum so ruhigstellen kann, dass die Symptome abklingen. Zusätzlich existieren heute diverse Elektrotherapien von einfach bis komplex, mit denen sich die Harnblase wieder beruhigen und sich so ihre Überaktivität in den Griff bekommen lässt.