Sie haben in Ihrer Arbeit täglich mit Menschen zu tun, die an Inkontinenz leiden. Was bedeutet diese Arbeit für Sie?

Es macht mich glücklich zu sehen, dass vielen PatientInnen tatsächlich geholfen werden kann. Auch wenn man nicht immer heilen kann, so kann man zumindest helfen, diese Menschen zu sozialer Kontinenz zu bringen.

Soziale Kontinenz kann bedeuten, dass man etwa einem Patienten, der durch einen Schlaganfall einen irreparablen Hirnschaden im für die Kontinenz zuständigen Zentrum erlitten hat, mit den richtigen Hilfsmitteln versieht, damit er wieder unter die Leute gehen kann und sein medizinisches nicht zum sozialen Problem wird.

Sie haben es gerade angesprochen: Inkontinenz ist eine Krankheit oder ein Symptom, das man zu verheimlichen versucht.

Ja, so ist es. Oft verbindet man es mit Kontrollverlust und sieht es als reine Alterserscheinung. Das ist es aber nicht allein – die meisten wären überrascht, wie viele PatientInnen ich betreue, die noch nicht einmal 30 Jahre alt sind. Denken Sie an querschnittsgelähmte Menschen oder an solche mit neurogenen Erkrankungen. Diese Menschen leiden oft nicht nur an Harn-, sondern auch an Stuhlinkontinenz. Beides ist unangenehm und nicht leicht zu verstecken.

Wie geht man als PatientIn am besten damit um, wenn man befürchtet oder bemerkt, inkontinent zu sein?

Es gibt verschiedene Formen und Ausprägungen von Inkontinenz. Es kann das Organ Blase selbst betroffen sein oder die „Steuerzentrale“ im Gehirn, es kann der Weg über die Nerven im Rückenmark Probleme haben – es gibt viele mögliche Ursachen, ärztliche Abklärung ist unbedingt notwendig.

Wir haben viele PatientInnen, die Angst vor der Untersuchung haben und dann aber ganz erleichtert feststellen, wie leicht viele Dinge in Wirklichkeit sind, wie man mit einfachen Hilfsmitteln oder Medikamenten oft helfen kann.

Das wichtigste ist also, zuerst einmal zum Arzt zu gehen?

Ja, absolut. Wir wissen aus Studien, dass Betroffene im Durchschnitt sieben Jahre brauchen, bis sie sich jemandem anvertrauen, sich Hilfe holen. Im Durchschnitt! Das bedeutet, dass manche Menschen 15 Jahre lang leiden, ehe sie Hilfe suchen. Eine unglaubliche psychische Belastung! Je eher man zum Arzt geht, desto eher kann einem geholfen und die Lebensqualität deutlich gesteigert werden.

Wohin kann ich mich denn als PatientIn wenden, wenn ich mir Hilfe holen will?

Ich rate, bei entsprechenden Problemen UrologInnen oder GynäkologInnen zu konsultieren, evtl. auch mit NeurologInnen zu sprechen – sofern vielleicht schon eine neurogene Erkrankung bekannt ist. Wenn es Stuhlkontinenz betrifft, dann zum Proktologen.

Man kann sich aber auch als ersten Schritt direkt PflegespezialistInnen anvertrauen – etwa uns Kontinenz- und StomaberaterInnen, wo man Hilfe und Rat erhält. Hier ist auch Scham kein Thema, weil das SpezialistInnen sind, denen es darum geht, damit würdig und diskret umzugehen.

Viele haben vielleicht Angst, dass die Behandlung unangenehm sein könnte. Wie sehen Sie das?

Ganz einfach: Die Behandlung kann niemals unangenehmer sein als die Inkontinenz selbst. Nötige Untersuchungen sind vielleicht unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Die einfachste und erste Untersuchung betrifft den Harn selber, denn nicht selten ist ein unbehandelter Harnwegsinfekt eine Ursache für das Problem. Es ist wirklich keine reine Erkrankung älterer, sondern eben auch jüngerer Menschen. Für beide sind auch die sozialen Folgen gegeben und ungut.

Haben Sie zum Abschluss noch einen Rat für Betroffene?

Abgesehen vom Hilfe holen: Achten Sie auf sich und denken Sie auch daran ausreichend zu trinken! Und wenn Sie von körperlicher Hygiene sprechen – normale Körperpflege mit einem gesunden Maß an Körperpflegemitteln ist auch bei bestehender Inkontinenz wichtig. Der Einsatz von Schutzcremen, um die Haut zu schützen, sowie der gezielte Einsatz adäquater Hilfsmittel, die dem Problem angepasst sind, sind zu empfehlen.