Herr Prof. Madersbacher, vorweg sollten wir klären, wie unsere Blase funktioniert.

Unsere Harnblase und ihr Schließmuskel haben eine zweifache Aufgabe. Der Harn soll ja über viele Stunden gespeichert und nur zu gegebener Zeit kontrolliert wieder abgegeben werden. Dazu muss  der Schließmuskel in der Speicherphase geschlossen und die Blase entspannt sein. Zur Blasenentleerung entspannt sich der Schließmuskel, die Blase baut Druck auf und entleert so den Harn,  Im Normalfall zügig und vollständig.

Wie kommt es zur Harninkontinenz, welche Ursachen gibt es?

In erster Linie ist  eine gestörte Speicherphase für die Inkontinenz verantwortlich. Eine Schließmuskelschwäche führt zur „Belastungsinkontinenz“, es kommt dabei beim Husten, Nießen oder sportlicher Betätigung zu unfreiwilligem Harnabgang. Eine zu aktive („überaktive“)  Blase, die zur falschen Zeit Druck aufbaut, führt zur Dranginkontinenz. Das führende Symptom ist ein plötzlicher, nicht unterdrückbarer Harndrang, der zum Harnverlust führt, meist kombiniert mit häufigen Harnentleerungen tagsüber und nachts.

Worin unterscheidet sich ein kurzfristiges Blasenleiden von der Inkontinenz?

Gerade bei älteren Menschen, die zu Blasenentzündungen neigen, kann allein schon die Reizung der Blase durch die Entzündung dazu führen, dass der Harndrang nicht mehr kontrollierbar wird. Nach erfolgreicher Therapie des Harnwegsinfekts klingt dieses Phänomen wieder ab. Bei nicht adäquater Behandlung kann aber ein zeitlich begrenztes Phänomen zur anhaltenden Inkontinenz führen.

Welche Personengruppen sind von Inkontinenz betroffen?

Inkontinenz kann in jedem Alter auftreten, sowohl beim Mann als auch bei der Frau. Alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede sind jedoch vorhanden. Bei Frauen tritt durch Geburten und die Wechseljahre oft eine Schwäche des Beckenbodens auf. In diesem Lebensabschnitt um die 50 ist die Belastungsinkontinenz am häufigsten. Im Alter kann die Blase überaktiv werden, die Dranginkontinenz nimmt zu, auch bei Männern.  Operationen wegen Prostatakrebs können ebenfalls Harninkontinenz verursachen.

Ist Inkontinenz immer noch ein Tabuthema?

In den letzten 30 Jahren hat sich viel getan. Anfangs war eine starke Tabuisierung zu merken, heute sind die Betroffenen aufgeklärter. Vielen ist bewusst, dass Inkontinenz kein notwendiges Übel des Alters ist, sondern gut behandelt und therapiert werden kann. Man muss nur zum Arzt gehen,  besser früher als später.

Wie kann Inkontinenz behandelt werden?

Die unterschiedlichen Ursachen und Formen von Harninkontinenz sind unterschiedlich zu behandeln. Bei Belastungsinkontinenz kann man die Schließmuskelschwäche durch ein Beckenbodentraining, unter Anleitung einer/eines Physiotherapeutin/en gut beeinflussen, auch eine wenig belastende Operation kann die Inkontinenz beseitigen. Bei der blasenbedingten Dranginkontinenz gelingt es häufig, durch ein gezieltes Blasentraining die Harnblase wieder unter Kontrolle zu bringen. Medikamente,  die die Blase entspannen,  sind dabei hilfreich. Auch die Änderung ungünstiger Lebensgewohnheiten (übermäßiges trinken oder  starkes Übergewicht) kann  Inkontinenz  bessern.  Die Bandbreite der möglichen Therapien ist groß und  reicht  bis zum (Selbst-) Katheterismus bei Überlaufinkontinenz.

Stichwort Miktionsprotokoll: Was versteht man darunter?

Das Miktionsprotokoll (Miktion ist ein medizinischer Fachausdruck für Harnentleerung) ist eine wichtige Maßnahme im Rahmen der Abklärung einer Inkontinenz. Der Patient notiert über zwei Tage und zwei Nächte, wann die Blase entleert wurde und wie viel  (mittels Messbecher), ob er/ sie zum Zeitpunkt der Entleerung noch trocken war oder bereits eingenässt hat, selbst die Stärke des Harndrangs kann notiert werden. Aufgrund dieser Aufzeichnungen kann sich der Arzt vom Verhalten der Blase im Alltag ein gutes Bild machen.