Herr Doğudan, Sie haben im Jahr 2014 all Ihre Lokale rauchfrei gemacht. Wie hat sich diese Entscheidung ausgewirkt? Welche Veränderungen haben Sie festgestellt?

Doğudan: Die ganze Diskussion – Rauchen, Nicht-Rauchen, Halb-Rauchen – ist inakzeptabel. Es ist eine Ja-Nein-Entscheidung. Rauchen ist in großem Ausmaß ungesund und kann zum früheren Tod führen. Ich kann die Politik nicht verstehen. Am Ende des Tages ist es die Aufgabe der Politik, Gesetze zu erlassen, die die Bevölkerung schützen. Ich habe die Umstellung ganz freiwillig durchgeführt.

Die Veränderung hatte keine Auswirkung auf die Restaurants, jedoch haben wir in den Bars kurzfristig an Umsatz verloren. Nach einer Zeit geht es dann sowieso wieder gut, wenn die Qualität stimmt. Die Entscheidung, rauchfrei zu machen, war also keinesfalls negativ. Die Gesundheit aller ist doch wichtiger und steht auf einem höheren Level als das Interesse der Kleineren.

Können Sie beschreiben, wie es zu dieser Entscheidung kam?

Doğudan: Ich habe einen Blasenkrebs-Fall in meiner Familie gehabt und zum Glück ist noch alles gut gegangen. Dadurch hat sich auch mein Bewusstsein geändert und Dr. Shariat hat mich obendrein noch gut gelehrt. Er leistet großartige Arbeit und gehört mit Sicherheit zu den besten Urologen der Welt. Ich meine, die Mehrheit der am Blasenkarzinom Erkrankten sind Raucher. Was wollen wir da noch diskutieren?

Herr Dr. Shariat, welche Entstehungsursachen gibt es für Blasenkrebs?

Shariat: Während es leider nicht immer möglich ist, Blasenkrebs vorzubeugen, gibt es eine Reihe von eindeutig identifizierten und vermeidbaren Risikofaktoren. Tabakkonsum steht hierbei an erster Stelle und ist für geschätzte 70 Prozent aller Blasenkrebserkrankungen verantwortlich. Weiters sind schätzungsweise 5-10 Prozent aller Blasenkarzinome in Industrieländern auf berufsbedingte Exposition gegenüber schädlichen Substanzen wie aromatische Amine und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, etwa in Farbstoffen, Lösungsmitteln, Lacken, Verbrennungsprodukten, Gummi und Textilien zurückzuführen. Wir arbeiten mit der „Europäischen Koalition gegen Krebs“ zusammen, um in Brüssel eine Gesetzgebung zu Sicherheit und Gesundheitsschutz in Arbeitsstätten sicherzustellen.

Wie steht es beim Blasenkrebs um den Forschungsstand? Gab es in der jüngeren Vergangenheit nennenswerte größere Fortschritte?

Shariat: Beim Blasenkrebs handelt es sich um eine „vernachlässigte Krebsart“. Leider wurde bisher nur sehr wenig unternommen, um Patientenerfahrungen bei dieser Erkrankung zu optimieren. Es gibt jedoch vielversprechende neue Behandlungsansätze durch bessere Diagnosetools und neuartige Therapien wie etwa Immuntherapien. An der MedUni Wien forschen wir intensiv auf diesem Gebiet. Zudem setzen wir folgende Schwerpunkte, um eine Senkung der Blasenkrebsbelastung herbeizuführen: Rauchentwöhnungsprogramme, Früherkennungsprogramme durch Biomarker für Hochrisikogruppen, Sensibilisierungskampagnen durch gesellschaftliche Aktivitäten sowie Erstellen von multidisziplinären „Blasenkrebseinheiten“.

Welche Rolle spielt das Rauchen bei der Entstehung?

Shariat: Raucher haben ein fünf- bis sechs Mal höheres Risiko, an Blasenkrebs zu erkranken als Nichtraucher. Das Risiko steigt entsprechend zu Dauer und Menge des Tabakkonsums. Der Zusammenhang zwischen Rauchen und Blasenkrebs scheint mit der Zeit stärker geworden zu sein, da sich die Zusammensetzung von Zigaretten geändert hat. Die gute Nachricht, die Forschungen der MedUni Wien am AKH ergaben: nach Aufgabe des Rauchens reduziert sich die Inzidenzrate nach 10 Jahren Nikotinabstinenz wieder fast auf das Niveau eines Nichtrauchers.

Herr Doğudan, was wäre Ihnen zu dieser Thematik noch besonders wichtig, zu sagen?

Doğudan: Ich habe früher selbst geraucht, aber mich vom einen auf den anderen Tag entschlossen, damit aufzuhören. Es war eine Schwarz-Weiß-Entscheidung. Mehr Information und mehr Bewusstseinsschaffung würden größere Erfolge bringen. Natürlich spielt die körperliche Abhängigkeit beim Versuch, aufzuhören, eine Rolle. Die mentale Stärke übersteigt jedoch mit Sicherheit die körperlichen Schwierigkeiten. Die brutalen, aber zentralen Fragen sind: Will ich leben oder nicht? Akzeptiere ich als Raucher den schleichenden Tod? Das Leben ist zu schön, um es durch diese Sucht zu zerstören.