Univ. Prof. Dr. Hans-Christoph Klingler
stellv. Leiter der Universitätsklinik für Urologie am AKH Wien

Seit einiger Zeit hat der siebzigjährige Werner Tessloff die Lust an den Spaziergängen mit seiner Frau Elisabeth verloren. Auch auf den Gang zur Bäckerei, wo der pensionierte Lehrer seine geliebten Weckerl kauft, verzichtet er zunehmend. Werner Tessloff hat Angst. Angst vor einem unfreiwilligen Harnabgang.

 

„Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an unfreiwilligem Harnverlust oder an Schwierigkeiten bei der Blasenentleerung zu leiden“, erläutert A.o. Universitäts Professor Dr. Hans-Christoph Klingler, stellvertretender Leiter der Universitätsklinik für Urologie am AKH Wien. „Zudem wird die Inkontinenz meist verheimlicht, dieses Thema ist einfach nicht „gesellschaftsfähig oder sexy“. Daher wird auch in der Familie oder im Freundeskreis kaum darüber gesprochen und die Patienten ziehen sich aus Angst und Scham zurück und
vereinsamen.“

 

Harnabgang, so führt der Professor aus, könne viele Ursachen haben. Entzündungen, hormonelle Veränderungen, Medikamente, eine vergrößerte Prostata und v.a. eine Funktionsänderung der Blase können die Gründe sein. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 10% aller Männer im Laufe ihres Lebens davon betroffen sind.

„Es gibt unterschiedliche Arten der Inkontinenz“, erläutert Professor Klingler. „Zum einen die Dranginkontinenz, die auf eine Überaktivität der Blase zurückzuführen ist. Der Betroffene spürt plötzlich einen ununterdrückbaren Harndrang. Der Drang ist schon bei kleinen Harnmengen in der Harnblase zu spüren und der Urin geht unfreiwillig verloren ehe die rettende Toilette erreicht wird. Dranginkontinenz ist oft eine Folge von Unfällen, neurologischen Erkrankungen, Infektionen, Harnblasenkrebs – aber insbesondere durch die geänderte Funktion und nervale Steuerung der Blase im Alter.“

Besonders häufig sind diese Störungen bei neurologischen Grunderkrankungen oder auch beim Diabetes. Bei diesen Patienten kommt es infolge der nervalen Fehlsteuerung oft auch zu einer unvollständigen Blasenentleerung mit Restharnbildung

 

Belastungsinkontinenz

„Bei der Belastungsinkontinenz verliert der Betroffene synchron zur körperlichen Belastung Urin. Wir Mediziner unterteilen die Belastungsinkontinenz in drei Schweregrade:

Grad 1: Der Betroffene verliert beim Husten, Niesen, Lachen oder schweren körperlichen Belastungen geringe Mengen an Urin.

Grad 2: Urin tritt schon bei leichten körperlichen Belastungen, wie bei abrupten Körperbewegungen beim Aufstehen, Hinsetzen oder Gehen aus.

Grad 3: Schon bei Bewegungen, ohne körperliche Belastung, kommt es zum unfreiwilligen Harnverlust“, erläutert Professor Klingler und beschreibt weiter: Im Gegensatz zur Frau entsteht die Belastungsinkontinenz bei Männern vorwiegend durch Schädigung des Blasenverschlussapparates nach chirurgischen Operation, z.B. nach einer radikalen Prostataoperation. Zudem bestehen gerade beim älteren Patienten häufig Mischformen aus den beiden genannten Formen.

„Als Therapieoptionen stehen bei Männern bei der Dranginkontinenz, neben Allgemeinmaßnahmen (z.B. Änderung der  Medikamente, Vermeidung einer exzessiven Flüssigkeitszufuhr, u.a.) das Toiletten- und Beckenbodentraining mit Entspannungsübungen v.a. medikamentöse Therapien zur Verfügung. Auch die Elektrostimulation kommt zur Anwendung. Hingegen sind aufwändige operative Eingriffe selten notwendig. Anders bei der Belastungsinkontinenz, denn hier stehen kaum wirksame Medikamente zur Verfügung. In leichteren Fällen kann aber ein gezieltes Beckenbodentraining helfen. Sonst stehen operative Eingriffe im Vordergrund.“ erläutert Professor Klingler.

 

Überlaufinkontinenz

Männer sind von einer Überlaufinkontinenz häufiger betroffen. Es handelt sich hier eigentlich um eine Harnabflussbehinderung, z.B. durch eine gutartige Prostatavergrößerung. Durch den zunehmenden Widerstand beim urinieren kommt es zu immer größeren Restharnmengen, sodass schlussendlich nur noch tropfenweise Harn kontinuierlich verloren geht. Eine Blasenfüllung von über zwei und mehr Litern ist keine Seltenheit. Durch die sehr langsame Entstehung sind oft kaum Schmerzen vorhanden. Eine sofortige Entlastung der Blase durch Kathererismus ist nötig. Falls die Blase wieder rehabilitiert werden kann, wird eine chirurgische Therapie (z.B. eine Prostataausschabung) angestrebt. Bei chronischer Blasenüberdehnung mit unwiederbringlicher Schädigung des Blasenmuskels, ist der aseptische intermittierende Einmalkatheterismus die Methode der Wahl.