Ja, das geht wirklich. Die volle Sehschärfe lässt sich auch ohne Laseroperation wieder herstellen. Und das über Nacht im Schlaf. Klingt unglaublich. Es gelingt aber mit der Ortho-K-Linse, auch Nachtlinse genannt.

So funktioniert's

Der Name Ortho-K-Linse kommt ursprünglich vom Begriff Ortho-Keratologie. Darunter versteht man die gezielte Veränderung der Hornhautform durch speziell geformte, formstabile Kontaktlinsen, die eine zeitlich eingeschränkte Korrektur von Kurzsichtigkeit ohne zusätzliche Sehhilfe möglich macht. Ortho-K- oder auch Nachtlinsen sind harte, also formstabile Kontaktlinsen. Deren Innenseite besteht aus mehreren Bereichen, die zentral auf der Hornhaut einen Unterdruck erzeugen. Dadurch verformt sich die die oberste Schicht der Hornhaut, auch Epidelschicht genannt, die zu 100 Prozent regenerierbar ist. Es verschieben sich die Hornhautzellen des Zentrums in Richtung Peripherie und bilden auf diese Weise eine deutlich stärkere Minuslinse. Die Hornhaut an sich ist ja schon eine sehr starke Minuslinse, die bei Kurzsichtigkeit in Relation zur Baulänge des Auges aber immer noch zu schwach ist. Die Nachtlinse verändert die Hornhautform noch stärker in Richtung Minus und korrigiert somit die Fehlsichtigkeit.

So wird's gemacht

Grundsätzlich sollte eine Nachtlinse zur Korrektur von Kurzsichtigkeit jede Nacht getragen werden. Wobei es nicht bei jeder Stärke der Kurzsichtigkeit etwas bringt. Im Idealfall bleibt die Kurzsichtigkeit unter viereinhalb Dioptrien, dann funktioniert die Nachtlinse gut. Bei stärkerer Kurzsichtigkeit müsste ein erfahrener Optiker oder Augenarzt individuell entscheiden, ob sie angewandt werden kann. Bei einer weit darüber liegenden Kurzsichtigkeit wird sie jedenfalls nichts bringen. Da ist die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis unrealistisch. Bis zu einer Stärke von viereinhalb Dioptrien lässt sich mit regelmäßigem Tragen der Nachtlinse ein sehr gutes Ergebnis erzielen. Bei geringerer Stärke der Kurzsichtigkeit, etwa ein oder zwei Dioptrien, ist es mitunter sogar möglich, die Linse nicht jede Nacht tragen zu müssen. Das hängt aber individuell vom Träger und dem jeweiligen Auge ab.

Darauf kommt's an

Nachtlinsen sind zwar formstabile Linsen, bestehen aber aus einem ganz besonders luftdurchlässigen Material. Sie bedürfen einer speziellen Zertifikation, weil sie aufgrund ihrer Verwendung während der Nachtstunden noch sauerstoffdurchlässiger sein müssen als Taglinsen. Dadurch, dass während der Nacht die Augen im Schlaf durchgehend geschlossen sind, kommt es zu einer deutlich geringeren Menge an Tränenflüssigkeit im Auge, die Hornhaut des Auges bekommt deutlich weniger Sauerstoff. Da würden Nachtlinsen, die nicht besonders sauerstoffdurchlässig sind, ein hohes gesundheitliches Risiko darstellen. In Sachen Pflege und Handhabung sind Nachtlinsen sehr mit herkömmlichen Taglinsen vergleichbar. Gerade für Linsenträger, die bereits tagsüber Linsen verwendet haben, wird sich in der Handhabung und Pflege nicht viel ändern.

So sind sie entstanden

Die Ortho-K-Nachtlinsen sind gar nicht so neu, wie man vielleicht glauben könnte. Die Ansätze der Entwicklung reichen fast bis zum Beginn der Entwicklung herkömmlicher Kontaktlinsen zurück. Schon vor etwa hundert Jahren gab es erste Versuche, Kontaktlinsen herzustellen. Mit der Verwendung von völlig ungeeignetem Plexiglas ist die Entwicklung aber im Sande verlaufen. Durch eine Unterversorgung an Sauerstoff traten bei den Versuchspersonen schwerwiegende gesundheitliche Komplikationen auf. Erst seit es geeignete Materialien gibt, die die feine Verarbeitung und die notwendige Sauerstoffdurchlässigkeit gewährleisten, geht die Entwicklung und Perfektionierung dieser Technik wieder weiter.

Das bringt es

Der größte Vorteil der Nachtlinse ist, dass man tagsüber ein auskorrigiertes Auge hat, sprich ohne Sehbehelf scharf sieht und auf die üblichen Beeinsträchtigungen durch eine Brille vergessen kann. Auch für Kontaktlinsenträger wird der Alltag mit einer Nachtlinse deutlich angenehmer. Kleine Staubkörnchen im Auge, die den Linsenträger quälen, und die häufig auftretenden Probleme mit trockenen Augen aufgrund der geringeren Luftfeuchtigkeit im Winter fallen weg. Der größte Vorteil von Ortho-K-Nachtlinsen ist aber, dass damit Kurzsichtigkeit stabilisiert werden kann. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist das weltweit ein großes Thema, denn durch genetische Vorbelastung kann starke Kurzsichtigkeit weitergegeben werden. Fängt man da früh an, mit Ortho-K-Linsen entgegen zu wirken, kann der Gefahr eines weiteren Fortschreitens der Kurzsichtigkeit sehr gut begegnet werden. Und im Gegensatz zu Medikamenten haben Ortho-K-Linsen keinerlei Nebenwirkungen.