Philosophisch gefragt: Worüber definiert sich Schönheit?

Über die Relativität! Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung von Schönheit und findet sich vielleicht schön, obwohl andere Menschen ein anderes Schönheitsideal haben. Verunsichert wird und ist man allerdings immer. Es gibt Menschen, die halten sich beim Lachen die Hände vor den Mund, weil sie hässliche Zähne haben. Schon als Kind sollte man dies verschönern und regulieren. Dadurch wächst die Souveränität und das glückliche Lachen. Aber viele machen den Makel der Zahnlücke auch zu ihrem Markenzeichen.

Wenn nun aber Menschen mit ihrem Aussehen nicht glücklich sind?

Dann muss man helfen! Komplexe sind für die Psyche oft viel schwerwiegender. Man sollte nicht alle Hässlichkeiten an sich ertragen! Manche genieren sich zu sagen, dass sie etwas an sich verändern haben lassen. Es hilft der Psyche, den Komplexen positiv entgegenzuwirken. Jeder Mensch hat sein eigenes Schönheitsgefühl. Man kann sich nur selber gut fühlen und eins sein mit seiner Seele.

Äußeres und Inneres sind also eng verbunden?

Die Haut ist das größte Organ, spiegelt aber die Seele wider, reagiert auf Berührungen und Sonnenstrahlen. Für mich ist auch entscheidend, wie die Haut riecht. Ich kann meinen Mann und unsere Kinder durch ihren Geruch erkennen. Ich trage das Parfum meiner Mama und denke glücklich an sie. Außerdem möchte ich unbedingt meinen eigenen Parfumgeruch kreieren.

Meine Mutter sagte immer: Du hast elf Feinde für dein Gesicht. Das sind die zehn Finger und ein Taschentuch. Wenn man verunsichert ist, fängt man oft an, im Gesicht herumzupulen. Die Haut mag es aber nicht, wenn man andauernd herumfingert. Ich gebe das allen weiter. Vor allem vor dem Schlafengehen sollte man sein Gesicht gründlich waschen.

Gehen Sie gerne ins Spa?

Ich nenne das Körperkultur und liebe es über alles. Ich bin glücklich, dass ich diese Blässe habe und vertrage die längere Sonnenbestrahlung einfach nicht. Die Dosis macht das Gift.

Und wie geht es Ihnen als Schauspielerin damit?

Ja, da haben einige schon versucht, mich dunkler zu schminken, so wie man einer dunkelhaarigen Kollegin eine blonde Perücke aufgesetzt hat. Es beißt sich manchmal. Die Natur siegt trotzdem! Allen kann man nicht gefallen, doch steh zu deinem Typ!

Sie haben ein Gesicht mit hohem Wiedererkennungsfaktor: Ist Ihr Gesicht Ihr Kapital?

Manchmal wird man für eine Rolle genommen, weil man so ist, wie man ist. Und manchmal wird man auch abgelehnt, weil man so ist, wie man ist.

Gerade Schauspielerinnen laufen Gefahr, nur auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Wie gehen Sie damit um?

Ich liebe es, auf mein Äußeres reduziert zu werden, und kann nicht erwarten, dass jeder hinter meine Fassade erkennen kann, wie ich bin. Und ich liebe auch Geheimnisse, manchmal weiß ich selber nicht, wie ich wirke, bin darüber amüsiert oder verletzt. Es ist bewundernswert, wie Sean Connery, Robert Redford und Mario Adorf in Würde altern. Ich versinke in ihre Gesichter und bewundere ihr Spiel und ihr Geheimnis und ihren Charakter.

Einige kamen mit dem Älterwerden einfach nicht zurecht, wie zum Beispiel Marlene Dietrich. Warum hat sie nur so darunter gelitten? Aber ich weiß aus eigener Erfahrung: Alt werden ist nichts für Feiglinge!

Privat tragen Sie hauptsächlich schwarz und rosa. Auf der Bühne und im Film schlüpfen Sie in verschiedene Rollen und Farben. Was spielen Sie lieber: die Schöne oder das Biest?

À la Georg Büchner: Es ist in uns etwas ... weil beides in uns steckt und man in der Kunst ja auch den Menschen mit seinen ganzen positiven und negativen Gedanken und Handlungen zeigen möchte. Privat ziehen mich die Farben rosa und schwarz an. Früher wurde ich mit meiner rosa Phase auch schon belächelt (schmunzelt). Und heute ist es mein Markenzeichen.

Ich habe einen weiteren Tick, dass ich mich nackt fühle, wenn ich keinen (bright pink) Lippenstift trage – auch nur schnell beim Auto umparken oder beim Müll hinunterbringen. Ich denke dann immer, du lässt dich gehen. Die eigene Schönheit ist eben eine Frage der Disziplin und des sich selbst Sicherheit Gebens!

Wie wichtig ist es als Schauspielerin, das Gesicht zu wahren oder anders gefragt: Zeigen Sie als Schauspielerin immer Ihr wahres Gesicht?

Nein, natürlich nicht immer! Das Pokerface ist da, aber man kann sich täuschen. Manchmal hilft auch eine Sonnenbrille. Doch es gibt schon Situationen, bei denen man sein Gesicht wahren muss, speziell wenn man ungerecht behandelt wird. Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker und finde alle Fehler menschlich. Doch wenn man respektlos und haltlos mir gegenüber ist, möchte ich, obwohl ich nah am Wasser gebaut bin, dass dies nicht missbraucht wird. Auf der anderen Seite: Mir ist die Wahrheit lieber. Man darf sich nur selbst nicht belügen, das ist auf Dauer sehr anstrengend und raubt jede Souveränität.

Stichwort Schönheitswahn: Wo beginnt für Sie „self improvement“ und wo ist für Sie die Grenze des guten Geschmacks erreicht?

Das ist auch relativ! Ich würde niemals über Verschönerungen schimpfen. So wie jemand sein Auto aufpoliert, das eine Beule hat, oder: Wer rastet, oder rostet. So sehe ich das ganz pragmatisch auch mit der Haut. Man will eben keine Dellen oder Einbuchtungen, sowie schlechtes Gehör oder schlechte Augen. Wenn mir das passieren wird, nichts wie hin: Hörgerät und Linse einsetzen! Wenn es der Seele gut tut und man dadurch gut kommuniziert und sieht, was gibt es Schöneres?

Wenn Sie sagen, Sie fühlen sich nicht wohl, dann tun Sie etwas dagegen! Ich würde das jedem Menschen empfehlen! Wenn Sie sich besser fühlen, dann schenken Sie auch anderen ihre positiven Gefühle. Mit Komplexen muss man zwar immer umgehen können, aber wenn ein Teil davon behoben werden kann, bin ich immer dafür.

Das heißt, Sie ermutigen Menschen gern, sich zu verändern?

Ich sage immer gern, was jemand ändern kann. Gleichzeitig: Bleib so wie du bist, aber ein Werdender wird immer dankbar sein. Nicht wahr, Herr Goethe? Die Einen lieben mich dafür und die Anderen fühlen sich dadurch bevormundet. Diese Missverständnisse tun manchmal weh. Viele sind nicht gut kritikfähig oder finden sich tatsächlich wirklich toll. Es ist alles relativ! Ich liebe es, Komplimente zu geben – auch wildfremden Menschen, weil ich mich selber auch darüber freue.

Die ewige Jugend galt und gilt auch zum Großteil heute noch als absolut schön. Wo finden Sie sich selbst in dieser Diskussion wieder?

Als meine Mutter gestorben ist, war mir klar, dass von nun an ich nicht mehr „Mama“ sagen werde. Zum Glück nennt man mich jetzt "Mama", ich habe diese „Mama-Protection“ und "Mama-Liebe" und das hat für mich mit ewiger Jugend zu tun. Aber es kommt auch vor, dass, wenn ich mit meiner Tochter durch die Stadt laufe, ich  fast unsichtbar bin.

Manchmal drehen sich doch einige Leute um, und sagen: Ah, das ist die Sunnyi Melles! Dann denk ich mir: Naja, immerhin! (lacht) Meine Tochter ist genauso groß wie ich und eine Erscheinung. Aber selbst wenn sie kleiner wäre, sie ist wunderschöne 19 Jahre alt. Anziehend ist die Jugend – das ist die Evolution der Menschheit. Es gibt eben unterschiedliche Phasen des Alterns.

Aber das ist doch in der Natürlichkeit des Lebens inbegriffen!

Sie sagen es! Ich möchte mich gehen lassen und zynisch werden. Ich weiß, als junger Mensch hat mich anderes verunsichert als jetzt. Einem Kind würde man nie sagen, es sei hysterisch. Ich beobachte sehr viele Menschen und auch meine Kinder. In der Jugend hatte ich einfach weniger Angst, hatte nicht so viel Verantwortung im Leben und meine Liebsten haben mich nicht verlassen.

Spätestens, wenn dir die Eltern fehlen, weißt du, dass du nicht mehr Kind bist. Ich denke jeden Tag über das Älterwerden nach. Und der Blick in den Spiegel erinnert mich daran, selbst wenn ich nicht daran denken würde.

Es ist zwar kontrafaktisch, aber würden Sie gerne noch einmal jung sein und sich in diese Zeit zurückversetzen können?

Ja, weil ich dann meine Mama wieder hätte und andere Menschen und Dinge, die mir so lieb waren. Dass man Menschen verliert, das gehört leider auch zum Älterwerden dazu. Jeder hat so sein eigenes Schicksal, auch das ist relativ. Wenn sich jemand krankheitsbedingt – in der Jugend oder im Alter – verändert, wie zum durch Beispiel Depression oder Demenz, dann ändert sich auf einmal der Blick. Ich erkenne das oft auch im Gesicht. Da bin ich sehr dankbar und demütig, dass ich dann doch in der Lebensphase dieser Zeit gesund lebe.

Jedes Alter und jede Zeit hat ihre Schönheit.

Die Zeit und die Schönheit sind für mich auch relativ. Man denkt, dass sie oft stehen bleibt, nur langsam voranschreitet, einen dann überholt. Aber ich bin so gerührt, wenn mein Mann und meine Kinder mir so oft sagen, wie schön ich bin!