Was genau bedeutet die Diagnose Neurodermitis und wer ist davon am häufigsten betroffen?

Neurodermitis, oder medizinisch korrekt atopische Dermatitits oder atopisches Ekzem, ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung. In den meisten Fällen beginnt sie schon bei Säuglingen ab dem dritten Lebensmonat. Sechzig Prozent aller Neurodermitis-Fälle treten im Kleinkindesalter das erste Mal auf. Bei den meisten Kindern verschwindet die Krankheit circa im Schuleintrittsalter oder während der Schulzeit. Nur noch drei Prozent der Erwachsenen leiden an Neurodermitis.

Wie entsteht Neurodermitis?

Wir wissen heute, dass die Neurodermitis auf einer Störung der so genannten Hautbarriere beruht. Die Haut mit all ihren komplexen Strukturen ist unser Schutz gegenüber der Umwelt, der vor allem durch zwei Gewebeschichten gewährleistet ist. Das äußerste Gewebe, das an die Umwelt angrenzt, kann man sich im Aufbau wie eine Ziegelmauer vorstellen. Hat ein Mensch  Neurodermitis, dann gibt es Defekte im Mörtel, die Ziegelmauer ist brüchig und hat Löcher.

Welche Konsequenzen hat dieser Defekt der Hautbarriere?

Durch die Löcher kann Feuchtigkeit aus der Haut an die Oberfläche gelangen und dort verdunsten. Natürliche Feuchthaltefaktoren fehlen, die Folge ist ein Feuchtigkeitsverlust und trockene, schuppende Haut. Zudem können Eindringlinge wie Bakterien oder Allergene beispielsweise Pollen oder Milben viel leichter in die Haut eindringen. Dort werden sie vom Immunsystem erkannt und es entsteht eine Sensibilisierung.

Patienten mit Neurodermitis entwickeln daher leichter Allergien und es kommt häufiger zu Infektionen, die dann eine Entzündung in der Haut bedingen. Das ist der Beitrag des Immunsystems zur Neurodermitis. Wir haben also auf der einen Seite eine durch den defekten Aufbau bedingte Funktionsstörung der Haut und auf der anderen Seite die immunologische Reaktion der Entzündung.

Wie sieht der klassische Verlauf aus?

Neurodermitis verläuft in Phasen. In der ersten Phase beginnt es mit trockener Haut, dann kommen der Juckreiz und schließlich die Entzündung. Auch die Behandlung kann man daher in drei Phasen gliedern: Für die trockene Haut ist die Basistherapie bzw. die Basispflege als Teil des täglichen Lebens ganz wichtig. Als indifferente oder adaptierte Basistherapie kommen fetthaltige Cremes und Salben, Öle oder Pflegemilchprodukte mit hohem Fettanteil in Frage. Tägliches Einschmieren ist ein Muss und auch die beste Methode, die Hautbarriere so funktionstüchtig wie möglich zu erhalten. Wenn die Pflege richtig und regelmäßig gemacht wird, kann man Entzündungsschüben meist gut vorbeugen.

Sollte es doch zu einer Entzündung kommen – wie behandelt man dann?

Momentan gibt es zwei Gruppen von therapeutischen Möglichkeiten: Das eine sind nach wie vor cortisonhaltige Salben. Diese sollte man eine bis maximal drei Wochen einsetzen, um eine akute Entzündung zu stoppen. Zusätzlich gibt es Cremes und Salben, die als Wirkstoff so genannte Calcineurin-Inhibitoren enthalten, die bestimmte an der Entzündung beteiligte Immunzellen stilllegen.

Im Gegensatz zu Cortison gibt es hier keine langfristigen Nebenwirkungen, weshalb man sie auch längere Zeiträume einsetzen kann. Calcineurininhibitoren können unmittelbar nach Cortison zur Nachbehandlung verwendet werden. Zusätzlich hat sich eine vorbeugende proaktive Therapie bewährt, bei der Patienten zweimal in der Woche jene Stellen eincremen, an denen am häufigsten Schübe auftreten.

Kann Neurodermitis spontan auftreten?

Die Defekte der Haut sind zum Großteil genetisch bedingt. Mutationen im genetischen Code werden vererbt und führen dann zur nur teilweisen Ausbildung der betreffenden Hautbausteine. Die Entdeckung dieser Mutationen als Ursache hat das Verständnis der Neurodermitis revolutioniert.