Dr. Lill, bitte stellen Sie Ihr medizinisches Fachgebiet, die Parodontologie, kurz vor!

Die Parodontologie ist die Lehre vom Parodontium (griechisch: neben dem Zahn), also dem sogenannten Zahnbett, das aus Zahnfleisch und Zahnhalteaparat und dem Knochengewebe, das die Wurzel umgibt, besteht.

 

Zwei Begriffe fallen häufig: Parodontose und Parodontitis - was hat es damit auf sich?

Die entzündliche Erkrankung des Zahnfleisches heißt Parodontitis. Parodontose müsste demzufolge eine nicht-entzündliche Parodontitis sein – was sie nicht ist. Die Verwendung des Begriffs Parodontose im Volksmund ist falsch.

 

Was sind die ersten Anzeichen einer Parodontitis?

Zu den klassischen Zeichen (Leit-symptomen) zählen: Zahnfleischbluten (beim Zähneputzen oder Biss in einen Apfel) und Mundgeruch. Außerdem sind zu nennen: Entzündungszeichen am Zahnfleisch (Rötung, Schwellung, Austritt von Eiter aus Zahnfleischtaschen), Veränderung des Zahnfleisches und infolgedessen freiliegende Zahnhälse (Zahnfleischschwund), ungewöhnliche Zahnstellung und/oder ungewöhnlicher Biss. Auf der Internetseite der ÖGP gibt es einen Selbsttest² für Patienten, um schnell herauszufinden, ob man an Parodontitis leidet.

 

Was soll man tun, wenn man eines der Anzeichen bemerkt?

Unbedingt einen Zahnarzt, besser noch: einen Spezialisten für Parodontologie aufsuchen. Denn wirksame Hausmittelchen gegen Parodontitis gibt es keine. Je früher behandelt wird, desto besser ist die Erfolgsaussicht. Allerdings nur, wenn Patient und Arzt ein Team bilden und gemeinsam und nachhaltig aktiv sind.

 

  Gibt es ein typisches Alter, in dem Parodontitis erstmals auftritt?

Sie kann schon bei kleinen Kindern zerstörerisch am Werk sein. Oft hat sie ihren ersten Auftritt jedoch bei Jugendlichen. Die deshalb juvenile Parodontitis genannte Form der Erkrankung ist besonders aggressiv. Grundsätzlich tritt Parodontitis in allen Altersgruppen auf. Die WHO sagt, dass 70 Prozent aller Erwachsenen weltweit davon betroffen sind.

 

Was macht der Parodontologe beim ersten Termin?

Er sollte eine parodontale Grunduntersuchung, kurz: PGU, vornehmen. Das ist ein Screening, bei dem man eine Parodontitis und deren Schweregrad (oberflächlich: Gingivitis, fortgeschritten: Parodontitis) schmerzfrei und schnell feststellen kann. Dazu misst der Zahnarzt mit einer sogenannten Parodontalsonde an mehreren Stellen, ob das Zahnfleisch zu Blutungen neigt und wie tief Zahnfleischtaschen gegebenenfalls sind, wie stark Zahnhälse freiliegen und ob es bereits lockere Zähne gibt. Auch ein Plaque-Status wird erhoben. Je nachdem, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist, werden verschiedene Therapien in die Wege geleitet.

 

Zahlt die Sozialversicherung die Kosten für die PGU?

Nein. Die Kosten dafür muss der Patient aus eigener Tasche zahlen. Dennoch rate ich dazu, die PGU einmal im Jahr durchführen zu lassen.

 

Was sind gängige Therapien gegen Parodontitis?

Wer mit einem klinischen Befund zum Parodontologen kommt, wird in der Regel auch geröntgt, um einen radiologischen Befund zu erhalten. Aufgrund der ermittelten Daten wird die endgültige Diagnose gestellt und ein individuell auf den Patienten abgestimmter Behandlungsplan erarbeitet. Je nach Diagnose gibt es zum Beispiel eine Zahnfleischtaschen-Therapie mit dem Ziel der Plaquefreiheit, die auch eine Behandlung der Wurzeloberfläche umfassen kann. Das dient dem Wiederanheften des Zahnfleisches. Schwere Fälle müssen mitunter auch chirurgisch angegangen werden, etwa mit einer offenen Lappen-OP, bei der entweder Knochen abgetragen oder aufgebaut werden, um Taschen zu beseitigen.

 

Wie verläuft eine Parodontitis, wenn sie nicht behandelt wird?

Das Gefährliche einer Parodontitis ist, dass sie schleichend und schmerzlos beginnt – und über Jahre hinweg chronisch ohne große Beschwerden verläuft. Ändert sich die Zahnstellung, stört plötzlich ein Zahn beim Kauen, dann ist oft schon eine fortgeschrittene Parodontitis im Gange. Unbehandelt verliert der Zahn schlimmstenfalls seinen Halt und fällt aus. Das destabilisiert das gesamte Gebiss.

 

¹ http://www.oegp.at/


² http://www.oegp.at/patientinnen/selbsttest/