Univ.-Ass. DDr. Polina Kotlarenko
Abteilung für Prothetik Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik GmbH

Die Änderung des Lebensstils in den letzten Jahrzehnten hat das Bewusstsein um Mundhygiene und gesunde Ernährung deutlich verbessert.

In den Industrienationen folgte darauf der Rückgang von Karies, doch gleichzeitig auch ein Anstieg von säurebedingten Zahnschäden, sogenannten Erosionen. Säurebedingte Zahnschäden sind für den Betroffenen über einen längeren Zeitraum kaum erkennbar. Als Erstsymptome machen sich oftmals eine erhöhte Empfindlichkeit der Zähne auf Temperaturänderungen und Schmerzen beim Genuss von süßen oder sauren Lebensmitteln bemerkbar. In diesem Stadium kann die Schädigung der Zähne für den Zahnarzt bereits deutlich sichtbar sein, die Zähne erscheinen verkürzt, die Schneidekanten ausgedünnt und durchsichtig.

Die Betroffenen leiden sowohl an ästhetischen als auch an funktionellen Einbußen.

 

Wandel der Ernährungsgewohnheiten 

Bei der Entstehung von Erosionen spielt der Wandel von Ernährungs und Trinkgewohnheiten eine große Rolle, im Besonderen der vermehrte Konsum saurer Lebensmittel wie z.B. Zitrusfrüchten oder Softdrinks.

Selbst für gesundheitsbewusste Personengruppen besteht ein erhöhtes Risiko säurebedingter Zahnschäden durch häufige Zufuhr von Fruchtsäften, Verzehr säurehaltiger Früchte oder den Genuss von Essig. Zusätzlich ist die Art der Konsumation entscheidend: schluckweise oder der über einen längeren Zeitraum verteilter Verzehr saurer Lebensmittel führt zu einer verlängerten Verweildauer von Säure in der Mundhöhle.

Nicht nur saure Nahrungsmittel, auch oftmaliger Kontakt der Mundhöhle mit Magensäure durch Erbrechen oder Sodbrennen werden als Hauptursachen von Erosionen betrachtet. In diesem Zusammenhang kommt der Bulimie, auch Ess- Brechsucht genannt, ein besonderer Stellenwert zu. Bei den meisten Bulimie- Patienten sind massive erosive Zahnschäden durch den häufigen Kontakt der Magensäure nach Erbrechen charakteristisch. Anhand dieser typischen Schäden im Mund und Rachenraum können Zahnärzte oftmals als Erstentdecker der Bulimie fungieren und eine vermehrte Kooperation zwischen Psychotherapeuten und Zahnärzten im Sinne einer optimalen Unterstützung der Betroffenen veranlassen.

Doch welche Maßnahmen könnten die Übersäuerung der Zähne verhindern? Hilfreich ist eine Reduktion der Konsumation säurehaltiger Lebensmittel sowie deren prompter Verzehr nach dem Motto ‚Besser ein ganzes Glas Orangensaft auf einmal genießen, statt über den Tag verteilt immer wieder einen Schluck’. Ferner ist es ratsam, Mahlzeiten mit etwas ‚Neutralisierendem’ wie Käse oder anderen Milchprodukten zu beenden.

Milchprodukte helfen, den pHWert der Mundhöhle auszugleichen und fördern als wichtige Kalzium und Phosphatlieferanten die Wiederaufnahme von Mineralstoffen in den Zahnschmelz. Durch zahnschonende Kaugummis angeregter Speichelfluss unterstützt ebenfalls die Neutralisation von Säuren und weist ein remineralisierendes Potenzial auf.

 

„Erhöhtes Risiko säurebedingter Zahnschäden besteht vor allem bei Konsum saurer Lebensmittel, Bulimie und Sodbrennen.“

 

Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, unter zahnärztlicher Anleitung mit speziellen medizinischen Produkten den Mineralsto«verlust der Zähne auszugleichen und dadurch die Härte des Zahnschmelzes zu steigern. Durch entsprechende zahnärztliche Aufklärung kann die zahnschädigende Wirkung eines falsch verstandenen Mundhygieneverhaltens, wie beispielsweise Zähneputzen unmittelbar nach Konsumation säurehältiger Lebensmittel oder nach Erbrechen vermieden werden. Direkt nach Säureexposition wäre, eine Mundspülung mit Wasser, Milch oder fluoridierten Spüllösungen zu bevorzugen. Ein frühzeitiges Erkennen von Risikofaktoren für Erosionen, zahnmedizinische Verhaltensempfehlungen und gezielte therapeutische Maßnahmen- sowohl zahnmedizinisch als auch die notwendige interdisziplinäre Kooperation mit Psychologen bei Bulimie und Internisten bei Sodbrennen- können dazu beitragen, irreversible Schäden an der Zahnhartsubstanz zu vermeiden und die Zahngesundheit zu bewahren.