Mag.a Anita Natmeßnig
Studium der evangelischen Theologie, Kinodokumentarfilm Zeit zu gehen über unheilbar krebskranke Menschen im Hospiz, Autorin, als Psychotherapeutin in eigener Praxis in Wien tätig (Systemische Therapie), Seminare, Vorträge, Lesungen.

Eltern wollen für ihre Kinder sorgen. Was jedoch, wenn ein Elternteil schwer erkrankt und sich das Leben aller Familienmitglieder von einem Tag auf den anderen verändert? Wenn die Krankheit in den Mittelpunkt des Alltags rückt? Das Buch Das Jahr der blassen Sonnenblume, geschrieben von Silvia Roncaglia und illustriert von Cristiana Cerretti, soll bei diesen schwierigen Gesprächen unterstützen.

 

Ein Buch bietet Hilfestellung

Die Idee zum Buch kam sechs jungen Frauen, die alle eine Krebsdiagnose erhielten, als ihre Kinder noch klein waren. Gemeinsam haben sie eine einfühlsame Geschichte aus der Sicht zweier Kinder entwickelt, denen Stück für Stück bewusst wird, dass ihre Mama eine Krankheit hat, die viel schlimmer ist als der Heulhusten oder die Masern, die Pünktchen machen. Ein Buch, das offen und respektvoll von dem großen Schmerz erzählt.

„Kinder hängen in ihren emotionalen Reaktionen viel mehr als unabhängige Erwachsene von den Reaktionen der Eltern ab,“ sagt die auf Trauerprozesse spezialisierte Psychotherapeutin Anita Natmeßnig. „Was ein Elternteil fühlt, wird auch vom Kind wahrgenommen.“ Deshalb sei es wichtig, als Erkrankte/r diese großen, intensiven Gefühle wie Schock oder Angst, die vollkommen normal sind, zuzulassen und irgendwann zu der Phase des Annehmens zu kommen.

 

Das Umfeld informieren

Die meisten Betroffenen teilen kurz darauf ihren nächsten Angehörigen mit, dass sie erkrankt sind. Wenn die erste Übung im Aussprechen da ist, wird empfohlen, einen guten Zeitpunkt zu wählen, um bald darauf die Kinder ihrem Alter entsprechend zu informieren. Dabei gibt es klare, empfehlenswerte Richtlinien für das Gespräch: „nämlich ehrlich, offen und in einfachen Worten. Je kleiner das Kind ist, desto mehr häppchenweise, damit das Kind Zeit hat, die Nachricht zu verdauen und dann eventuell noch ein zweites Mal darauf zurückkommen kann.“ Dabei sei nicht die Krankheit selbst das Schwierige für Kinder, sondern wenn sie merken, dass Gefühle, von denen sie spüren, dass sie da sind, vor ihnen verborgen werden. „Wenn nicht offen gesprochen wird, verlieren Kinder das Vertrauen in die für sie wichtigsten Bezugspersonen. “, sagt die Expertin.

 

Ein Unterstützer-Netzwerk bauen

Im Buch hat der kleine Matthias Angst, er könnte Schuld haben an der Krankheit der Mutter. Immerhin habe er sie erst vor kurzem an der erkrankten Stelle mit einem Pfeil getroffen, woraufhin die Mutter böse geworden sei. „Was entscheidend ist über Kinder zu wissen: Je kleiner sie sind, desto schneller fühlen sie sich verantwortlich, wenn sich in der Familie irgendetwas verändert,“ sagt Anita Natmeßnig. Kindern gegenüber sollte deshalb besonders betont werden, dass sie keine Schuld an der Erkrankung oder dem Verlauf dieser tragen. „Sie sollen ihre Leben bestenfalls so normal wie bisher weitermachen.“ Eltern rät die Therapeutin  daher, sich ein Netzwerk an Unterstützern zu bauen – angefangen von Familie und Freunden bis hin zur professionellen Hilfe - um Kräfte für das zu sammeln, was wirklich wichtig ist: „nämlich gesund zu werden und sich dazwischen Zeit zum Spielen mit Kindern zu nehmen.“

 

Das Symbol Sonnenblume

Im Buch wird eine blasse Sonnenblume, die anders ist als die anderen ihr Gesicht nicht der Sonne zuwendet, zum Symbol für die Krankheit der Mutter. Das Buch schenkt Hoffnung und Zuversicht, ohne dabei falsche Sicherheit zu geben. Am Ende, wenn der Mama wieder Haare wachsen und ihr strahlendes Lächeln wieder zurückgekehrt ist, setzen sie gemeinsam neue Sonnenblumensamen. „Diesmal habe ich die Samen ganz besonders vorsichtig in die Erde gesetzt, langsam, einen nach dem anderen, und jedem einzelnen habe ich einen Wunsch zugeflüstert: dass sie gesund und stark wachsen mögen, bereit, sich der Sonne zuzuwenden.“