Dr. Elia Bragagna
Sexualmedizinerin und fachliche Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit GmbH

Egal wie alt sie sind, wie lange ihre Beziehungen schon andauern, ob sie gerade ein Kind geboren haben, sie  sich gerade im Beruf beweisen müssen, müde von der Arbeit nach Hause kommen, Kinder zu versorgen oder die Hausarbeit zu erledigen haben.

Sie finden Sex am Abend lustvoll, morgens oder mittags. Sie sind nicht prüde, für alle Spielarten offen und erreichen bei jedem Geschlechtsverkehr einen Orgasmus. Sie haben es auch gut, denn in all den Hochglanz Frauenmagazinen finden sie immer Ratschläge. Lust, wo immer man hinsieht. Und doch, jede 10. Frau, die uns im Supermarkt begegnet, hat ein Geheimnis: sie leidet.

 

Tabuthema: Lustlosigkeit

Sie leidet darunter, dass sie all den genannten Bildern nicht entspricht, denn sie ist lustlos. Sie leidet, weil sie genau in dem Alter ist, in dem sie sich als sexuell attraktiv beweisen muss. Sie ist zwischen 23 und 43 und entspricht keinem der genannten Bilder der Lust. Weder hat sie das Bedürfniss mit ihrem Partner zu schlafen, noch regen sie Bilder oder Fantasien dazu an, es zu tun.

Sie leidet auch, weil sie genau damit nicht umgehen kann, dass sie so gar nicht den gängigen (sexuellen) Klischees der Frauen in ihrem Alter entspricht. Sie assoziiert mit ihrem Problem Frauen weit nach dem Wechsel. Sie hat das Gefühl, ihren Partner zu enttäuschen, fühlt sich weniger weiblich, inadäquat und unsicher. Sie ist unglücklich, beunruhigt, frustriert, enttäuscht und hoffnungslos.

 

Probleme behandeln

Aber genau das brauchen diese Frauen nicht zu sein. Sie können sich sehr gut und rasch aus dieser unglücklichen Situation  befreien, wenn sie sich dem Problem stellen. Sexuelle Probleme entstehen dadurch, dass das eingespielte körperliche, psychische oder soziale Gleichgewicht  der Frau  durch einen oder mehrere Faktoren gestört wird.

Eine Reihe von Erkrankungen, wie z.B. Depressionen, Schilddrüsenerkrankungen, immer wiederkehrende Genital- und Harnwegsinfektionen, Inkontinenz, chronische Darmerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch hormonelle Störungen, können Lustlosigkeit verursachen. Oft sind es aber auch Medikamente, die das hormonelle Gleichgewicht oder die genitale Durchblutung stören, ebenso Operationen, Unfälle, Chemo- oder Strahlentherapien.

 

„Oft wird vergessen, dass eine Frau zum Ausleben ihrer Lust ein Gegenüber braucht.“

 

Auf der psychischen Ebene wirkt sich kaum etwas lusthemmender aus, als die täglichen, nicht geklärten, kleinen Kränkungen oder die Unfähigkeit, zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen und dann die passenden Worte zu finden, diese Bedürfnisse dem Partner mitzuteilen. Soziale Stressoren, die uns so normal erscheinen, weil sie so allgegenwärtig sind, können einen sehr negativen Einfluss auf die Sexualität haben. Dazu gehören Sicherheit, berufliche, familiäre und finanzielle Sorgen. 

 

Faktor: Das Gegenüber

Nur zu oft vergessen wir aber, dass eine Frau zum Ausleben ihrer Lust auch ein Gegenüber braucht, das mit sich selbst und seiner Sexualität im Reinen ist und eine (sexuelle) Anziehungskraft  hat.  Ein Partner, der selbst jeden Kontakt zu sich und seinen Bedürfnissen, zu seiner Lebendigkeit verloren hat, der sich nicht pflegt und gehen lässt,  der nicht mehr in sinnliche Resonanz treten kann, keine Freude an der Beziehung zeigt, der eventuell sexuelle Probleme hat, löst keine sexuellen Impulse in der Frau aus. Das ist normal, denn wir Menschen sind keine Maschinen.

Wir reagieren zum Glück noch auf Störfaktoren, indem wir Symptome produzieren, die uns aufmerksam machen, dass etwas in uns aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das Symptom kann also genutzt werden, um die dahinter liegenden Probleme zu beheben und so wieder zur unbeschwerten Sexualität zu gelangen. Der Weg zur eigenen Lust braucht manche Schritte, die es sich zu gehen lohnt.