Was genau bedeutet Gendermedizin eigentlich?

Die Gendermedizin kommt aus der Frauenbewegung und untersucht Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten zwischen Männern und Frauen in Bezug auf deren Gesundheit. Da geht es um die Gesundheitsförderung, um die Prävention, um die Früherkennung von Krankheiten, die Erkennung von Symptomen und die Fragen, wie eine Krankheit wahrgenommen wird, wie man mit ihr umgeht und wie die Langzeitergebnisse aussehen.

Sie begleitet von der Geburt bis zum Tod die Unterschiede, die sich zwischen Buben und Mädchen, Männern und Frauen abzeichnen mit dem Ziel, eine verbesserte Lebensqualität, mehr gesunde Lebensjahre und insgesamt Lebensverlängerung für beide Geschlechter zu erreichen. Gendermedizin ist prinzipiell nicht Frauenmedizin, aber weil der Mann lange Zeit der Prototyp in der Medizin war und ältere Studien fast ausschließlich auf Untersuchungen von Männern fußen und unsere daraus folgenden Leitlinien entsprechend auf diesen alten Studien beruhen, orientiert sich die Medizin hauptsächlich immer noch an männlichen Krankheitsbildern.

Für Frauen besteht deshalb hier ein Nachholbedarf. Deren spezifische Behandlungsfelder belaufen sich bislang nur auf Schwangerschaft, Geburt, Geburtskomplikationen und Tumore in den weiblichen Geschlechtsorganen. Gleichberechtigung bedeutet in der Medizin also differenziert zu behandeln, bedeutet Gleichbehandlung nur im qualitativen Sinne.

Es geht einerseits um die körperlichen, ganz  klaren, naturwissenschaftlichen Unterschiede, es geht aber andererseits auch um die sozialen und psychischen Unterschiede und den Umgang, die Wahrnehmung, die Geschlechterrollen, Bildung, finanzielle Ressourcen, Stress, kulturelle Differenzen. Die Gendermedizin will beides ganzheitlich betrachten.

Was hat den Stein des Anstoßes für dieses noch recht junge Forschungsgebiet gegeben?

Den dramatischen Anstoß lieferte das Beispiel des Herzinfarkts. In den 90er-Jahren begannen KardiologInnen in den USA aufzuzeigen, dass Herzinfarkte bei Frauen oft nicht erkannt werden und Frauen dadurch schlechtere Langzeitergebnisse und oft eine höhere Sterblichkeit nach Herzinfarkten haben und dass die Diagnostik und Therapie hier speziell auf das männliche Erscheinungsbild abgestimmt ist.

Im renommierten New England Journal of Medicine wurde zu der Zeit das sogenannte Yentl-Syndrom beschrieben, bei dem die Frau sich als Mann verkleiden muss, um den Talmud studieren zu können. Übertragen auf die medizinische Situation heißt das, die Frau muss die Symptome des männlichen Herzinfarktes zeigen, damit sie erkannt wird.

Denn Frauen haben oft nicht den typischen Schmerz in der Brust, Atemnot und Todesangst, sondern häufig eher ein allgemeines Unwohlgefühl, Schmerzen im Oberbauch, Kiefer und Rücken und im Bereich der Schulterblätter, Übelkeit oder Erbrechen was zu vielen anderen Differenzialdiagnosen Anlass gibt und deshalb das Durchblutungsproblem am Herzen oft nicht früh genug erkannt wird.

Welche Erkenntnisse müssten nun in die Praxis umgesetzt werden?

Bereits bei der Anamnese müssten in der Gesprächsführung und der Erhebung der Biographie Zyklusprobleme, Schwangerschaftskomplikationen u.a. miteinbezogen werden, um Risiken der Patientin einschätzen zu können. Auch können Krankheitsverläufe zyklusabhängig variieren. Geschlechtsspezifische Risikofaktoren müssen besser beachtet werden und in Prävention und Behandlung einfließen.

Gendermedizin sollte zudem ein Pflichtfach in der medizinischen Ausbildung ausfüllen und gleichzeitig aber auch Einzug in die Behandlungsstandards halten.  Man bräuchte eine geschlechterspezifische Anamnese und bei der Diagnostik spezifische Biomarker. Auch die Blutmarker sollten besser geschlechtsspezifisch erfolgen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis diese Erkenntnisse ihren Weg in die Praxis finden, aber zumindest finden jetzt die richtigen Studien statt und werden die richtigen Fragen gestellt, denn in den letzten 20 Jahren ist da relativ wenig passiert.

Wo ist so ein Gendering in der Medizin bereits geschehen?

Das wichtigste Beispiel sind gendermedizinische Zentren, die Frauen spezifisch Diagnostik und Therapien anbieten und sich bei der Anamnese die Zeit nehmen, frauenspezifische Risikofaktoren und Probleme zu berücksichtigen. Das bedeutet zum Beispiel, bei Frauen mit Risikofaktoren einen Zuckerbelastungstest zu machen, um Frühstadien eines Diabetes zu erkennen und dessen Ausbruch dadurch womöglich zu verhindern.

Außerdem gibt es Gendermedizin an einigen Universitäten mittlerweile als Pflichtfach und es finden auch regelmäßig Fortbildungen statt. Zudem wurde ein Diplom der Österreichischen Ärztekammer für Gendermedizin installiert, so dass sich alle Mediziner diesbezüglich weiterbilden können.

Wo könnte im Alltag Genderwissen einfließen?

Gerade Frauen sollten verstärkt darauf dringen, ihre Beschwerden behandelt zu bekommen. Frauen neigen in der Regel dazu, sehr weitschweifend zu beschreiben und landen dadurch häufiger im Eck der psychologischen Erkrankungen. Sie müssen auch lernen, ihre Beschwerden selbst ernst zu nehmen, aufmerksam sich selbst gegenüber zu sein und sich nicht ständig an letzter Stelle zu reihen.

Erfahrungsgemäß kosten Frauen einfach mehr Zeit, weil sie oft viel hinterfragen, Alternativtherapien wissen wollen und nicht so gern Tabletten nehmen. Frauen diskutieren mehr und wollen mehr Hintergründe wissen. Bei Männern sucht man dagegen viel eher körperliche Ursachen für Beschwerden und vernachlässigt deren Psyche. Bei Medikamenten müssen Dosis, Nebenwirkungen und eventuelle Wechselwirkungen usw. mitgedacht werden.

Was bedeutet Gendermedizin für die Frau?

Durch die Mehrfachbelastung (Familie, Beruf, Pflege Angehöriger) sind Frauen psychisch und physisch gefährdeter. Wenn zusätzlich männlicher Lebensstil wie Rauchen und Alkoholgenuss übernommen wird, schädigt das Frauen noch viel mehr als Männer. Zusammen mit einer häufig sehr selbstkritischen Grundhaltung und Perfektionismus führt das dazu, dass die Lebenserwartung von Frauen gar nicht sonderlich steigen wird, sondern die Männer aufholen, aber nicht weil sie gesünder werden, sondern die Frauen kränker. Außerdem verändert sich der weibliche Organismus stark im Laufe eines Lebens.

Während der Mann vordergründig nur altert, durchläuft die Frau verschiedene Phasen mit einschneidenden physischen und psychischen Veränderungen. Dazu kommen bei vielen Frauen zyklusabhängige Phänomene wie PMS, Migräne sowie andere Schmerzzustände wie Reizdarmsyndrom oder Rückenschmerzen, aber auch Autoimmunerkrankungen, die teilweise auch mit den Sexualhormonen im Zusammenhang stehen.