• Univ.-Prof. Dr. Christian Marth
  • Prof. Dr. Elmar Joura
Univ.-Prof. Dr. Christian Marth, Direktor der Universitätsklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Innsbruck

Herr Prof. Marth, was muss ich mir grundsätzlich unter dem Begriff HPV vorstellen?

Die Abkürzung HPV meint „Humanes Papilloma Virus“. Das ist eine Gruppe von Viren, die verschiedene Gewebe des Menschen infizieren können. Davon gibt es über 100 verschiedene Typen. Ein Teil dieser Viren kann bei Menschen auch Krankheiten auslösen, die meist nur unangenehm sind, wie z.B. Warzen. In seltenen Fällen kann es aber auch zu ernsthaften Erkrankungen kommen.

Welche Erkrankungen können sich durch eine HPV-Infektion ergeben?

Beim Thema HPV muss man unterscheiden zwischen Niedrigrisiko-HP-Viren, die beispielsweise gutartige Feigwarzen auslösen, und den Hochrisiko-HP-Viren. Diese sind deutlich gefährlicher und können bösartige Erkrankungen verursachen. Da ist in erster Linie der Gebärmutterhalskrebs zu nennen. Aber auch andere Krebsformen, insbesondere im Bereich von Hals, Nase und Ohren, können durch HP-Viren ausgelöst werden. Wir alle kennen die Geschichte von Michael Douglas, der durch Oralverkehr eine HPV-Infektion bekommen und dadurch einen Stimmbandkrebs entwickelt hat.

"Michael Douglas hat durch sein Outing gezeigt, dass HPV jeden treffen kann. Daher ist es wichtig, die Bedrohung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen."

Auch Enddarmkrebs und Scheiden- oder Peniskrebs kann durch HP-Viren ausgelöst werden. Beim Gebärmutterhalskrebs gehen wir derzeit davon aus, dass jeder Fall durch eine HPV-Infektion ausgelöst wird. Beim Stimmbandkrebs etwa wissen wir, dass auch andere Faktoren wie Rauchen oder übermäßiger Alkoholkonsum das Risiko einer Erkrankung steigern. Aber auch hier ist die Zunahme der durch HPV ausgelösten Tumoren besonders markant.

Gibt es bestimmte Risikogruppen oder kann beispielsweise jede Frau Gebärmutterhalskrebs bekommen?

Beim Gebärmutterhalskrebs, aber auch bei den anderen Krebsformen, ist die Erkrankung eine seltene Komplikation der Virusinfektion. Wir wissen, dass sich der Großteil der Frauen, die Geschlechtsverkehr haben, im Laufe ihres Lebens auch mit HPV infiziert. Das körpereigene Immunsystem ist aber in der Regel dazu imstande, diese Infektion zu bekämpfen und abzuwehren. Bei einem Teil der Frauen wird der Körper das Virus aber nicht mehr los und bei wiederum einem Teil dieser Betroffenen kann das Virus in weiterer Folge Krebs auslösen.

Prinzipiell sind die Risikofaktoren also zum einen häufig wechselnde Geschlechtspartner, zum anderen aber auch eine Beeinträchtigung des Immunsystems, wie z.B. nach einer Transplantation. Auch eine HIV-Infektion steigert das Risiko, dass HPV zu Krebs führt. Aber schon Raucherinnen haben ein deutlich höheres Risiko, mit einer HPV-Infektion auch einen Gebärmutterhalskrebs zu entwickeln.

Welche Tests gibt es, um eine solche HPV-Infektion nachzuweisen?

Früher hatten wir allein den Krebsabstrich zur Verfügung. Dabei war es aber nur möglich, Veränderungen am Gebärmutterhals wie eine Krebsvorstufe oder einen bösartigen Tumor, ausgelöst durch HPV, zu erkennen (positiver PAP-Test). Jetzt hat man die Möglichkeit, durch einen HPV-Test schon den Virus an sich zu erkennen und die Art des Virus zu bestimmen. Damit lässt sich bestimmen, ob der Virus ein Hochrisiko- oder ein Niedrigrisikotyp ist. Gut wäre, diesen neuen Test auch in die Vorsorgeuntersuchung von Frauen zu integrieren.

Besteht die Möglichkeit, HP-Viren auszurotten oder ihrer zumindest Herr zu werden?

Die beste Möglichkeit, HP-Viren auszurotten ist die Prophylaxe, sprich eine Impfung. Glücklicherweise wurden HPV-Impfungen jetzt in den Impfplan übernommen, inklusive der Impfung der Buben. Denn nicht nur meiner Ansicht nach ist es essentiell, Mädchen UND Buben zu impfen. Dadurch ergibt sich eine außerordentlich hohe Effizienz in der Beseitigung der negativen Nebeneffekte einer HPV-Infektion.

Durch die zunehmend flächendeckende Impfung schätzen wir, dass die Zahl der Gebärmutterhalskrebserkrankungen in den nächsten Jahren drastisch zurückgehen wird. Das wird sich zwar erst in 10 oder 15 Jahren so richtig auswirken. Aber schon jetzt sehen wir, dass allein die Zahl der gesamten Vorstufen der in Frage kommenden Krebserkrankungen durch diese Impfung dramatisch zurückgeht. Das ist sicherlich die beste Variante, um sich vor einer HPV-Infektion zu schützen.

Wir wissen, dass die Verwendung von Kondomen das Risiko zwar etwas reduziert, eine Infektion aber nicht komplett ausschließt. Nicht zu vergleichen mit dem Schutz vor einer HIV-Infektion. Dass die gesundheitliche Bedrohung durch HPV immer noch real ist, steht fest. Doch es gibt neue Testverfahren, die dabei helfen werden, die Zahl der HPV-bedingten Krebserkrankungen deutlich zu reduzieren.

Prof. Dr. Elmar Joura, Medizinische Universität Wien

Werden Frauen eigentlich bei jeder Vorsorgeuntersuchung beim Gynäkologen auf HP-Viren getestet, Herr Prof. Joura?

In der Vorsorge hat der HPV-Test bis dato nur im Privatpatienten-Sektor eine Rolle gespielt, weil diese Untersuchung meistens aus der eigenen Tasche bezahlt werden musste und im Gegensatz dazu der zytologische Abstrich, auch PAP-Test genannt, von der Kasse bezahlt wird. Das wird sich in Zukunft aber ändern.

Also wird der HPV-Test im Ordinationsalltag künftig eine größere Rolle spielen?

Genau. Bisher war es so, dass beim zytologischen Abstrich PAP 3 rauskommen musste. Erst dann wurde der HPV-Test bezahlt. Und wenn dieser HPV-Test dann auch positiv ist, ist das Risiko relativ hoch, dass schon Krebsvorstufen da sind. Wenn der HPV-Test in der Situation aber negativ ist, handelt es sich meistens um eine relativ banale Infektion mit unterschiedlichen Erregern. Wird der HPV-Test jedoch vor dem PAP-Test durchgeführt, erkennt man sofort alle Frauen mit einem Risiko.

Warum wird eigentlich zuerst der PAP-Test durchgeführt und nicht gleich von Beginn an auf HPV getestet?

Zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer praktischen Umsetzung liegen oft mehrere Jahre. Das ist auch beim Thema HPV so. In den 1970er-Jahren wurde der Zusammenhang zwischen einer Infektion mit Papilloma-Viren und der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs erkannt. Diese Erkenntnis hat die Forschung in Gang gesetzt und beispielsweise dazu geführt, dass wir heute eine Impfung gegen HPV zur Verfügung haben. Dieser Prozess hat uns auch zu dem Punkt gebracht, dass der HPV-Test in der Vorsorge große Vorteile bringt. Aber er ist noch nicht implementiert und vor allem ist er noch nicht finanziert. Dadurch war er bisher eine Randerscheinung, so gut er auch sein mag.

Welcher der beiden Tests erzielt die größeren Erfolge in der Praxis?

Es ist wie immer im Leben: alles hat seine Vor- und Nachteile. Auch diese beiden Tests. Der Vorteil des HPV-Tests ist, dass er viel weniger Veränderungen übersieht. Der HPV-Test ist sehr sensibel und erfasst fast alle Veränderungen. Das heißt aber nicht, dass jede erkannte Veränderung gleich zu einer Krebserkrankung führen muss.

"Mit der Kombination aus bekannten und neuen Testverfahren ist es möglich, die Zahl der HPV-bedingten Krebserkrankungen signifikant zu senken."

Auf der anderen Seite hat der PAP-Test den Nachteil, dass er einen gewissen Teil an Veränderungen übersieht. Aber wenn etwas damit erkannt wird, ist es meistens sehr eindeutig. Sprich der PAP-Test bietet eindeutig weniger Sensitivität, aber eine deutlich höhere Spezifität. Oft geht es aber auch gar nicht darum, zwischen dem einen oder dem anderen Test zu unterscheiden. Es ist die sinnvolle Kombination und die klug gewählte Reihenfolge, die zum besten Erfolg führt. Und da ist noch viel Raum für Verbesserungen.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach die beste Test-Reihenfolge aus?

Die beste Reihenfolge ist immer die, bei der der sensitive Test als erstes kommt. Denn dann sind einmal all jene Übeltäter erkannt, die möglicherweise erkrankt sind und die man sich näher ansehen muss. Bei all jenen, deren Testergebnis hier negativ ist, besteht kein Risiko. Jene Betroffenen mit positivem Testergebnis sollten anschließend einem spezifischeren  Test unterzogen werden. Der sagt mir, ob jene, bei denen ich ein Risiko nachgewiesen habe, tatsächlich krank sind oder nicht. Dies bedeutet im Zusammenhang mit Gebärmutterhalskrebs: zuerst der HPV-Test und dann die Zytologie, sprich der PAP-Test.

Wird das im Alltag beim Gynäkologen auch so gehandhabt?

Diese Vorgehensweise ist in Österreich erst im Entstehen. Es gibt zumindest schon einmal eine Grundsatzerklärung, dass die HPV-Testung definitiv Sinn macht. Sprich, es ist jetzt für den einzelnen Frauenarzt möglich, diesen Test auch durchzuführen. Was wir allerdings noch nicht haben, ist ein österreich-spezifischer Algorithmus, wie man in einer bestimmten Test-Situation vorzugehen hat. Das wird sicherlich noch einiges an Zeit dauern.

Wie wichtig ist es für Frauen, sich regelmäßig auf HPV testen zu lassen?

Der Gebärmutterhalskrebs ist eine der häufigsten Krebsarten bei Frauen gewesen. Zirka drei Prozent aller Frauen würden ihn bekommen, wenn es keine Vorsorgeuntersuchung gäbe. Durch die Vorsorgeuntersuchung, und die ist eine große Erfolgsstory, ist das Risiko in den letzten Jahrzehnten um zirka zwei Drittel gesunken. Nur sind wir jetzt auf einem Plateau angekommen, wo eine weitere Senkung des Erkrankungsrisikos nur durch eine Verbesserung der Testverfahren möglich ist.

Daher ist es jetzt wichtig, nicht nur den HPV-Test bekannt zu machen, sondern auch zu lehren, wie man ihn sinnvoll anwendet. Insofern ist die regelmäßige Untersuchung ein wichtiger Punkt für die Frauengesundheit. Aber beim Frauenarztbesuch geht es ja gar nicht nur um den Abstrich, sondern um ein ganzes Paket an Vorsorgeuntersuchungen, die zur Anwendung kommen und dabei helfen, gesund zu bleiben.