Dr. Birgit Dieminger
Ernährungswissenschafterin bei AGES – der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit Universität Wien

Wenn Sie auf dem Supermarktparkplatz eine Frau sehen, die ungestüm eine Packung Süßigkeiten aufreißt und sie verschlingt als wäre es das einzig Essbare auf dieser Welt – wundern Sie sich nicht. Das Phänomen der Heißhungerattacken schwangerer Frauen gibt es wirklich. Der Grund dafür ist wissenschaftlich umstritten. 

Eine These besagt, schuld wäre das Schwangerschaftshormon Beta-HCG. Diese Abkürzung steht für »Beta-humanes Choriongonadotropin«. Es wird am Anfang der Schwangerschaft von den äußeren Zellschichten der befruchteten Eizelle gebildet. Ein Teil der Schwangeren reagiert darauf mit Übelkeit, ein anderer hat Heißhunger.

Eine weitere These meint, es wäre ein Vitamin- oder Nährstoffmangel, auf den der Körper mit ungewohnter Stärke reagiert – beispielsweise mit Heißhunger auf Fleisch bei Eisenmangel. Das wäre ein cleverer Zug des Körpers, bei dem es sich lohnt Folge zu leisten.

 

Qualität statt Quantität

Was auch immer Ihr Körper begehrt – wichtig sind Maß und Ziel. „Dass eine schwangere Frau für Zwei essen muss, ist eine längst überholte Ammenweisheit,“ sagt Dr. Birgit Dieminger, Ernährungswissenschafterin bei AGES – der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit und Leiterin des Projekts „Richtig essen von Anfang an!“. Viel wichtiger als die Menge ist die Qualität. „Schließlich steigt zunächst nur der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen sprunghaft an – der Energiebedarf erhöht sich lediglich um ca. 250 Kilokalorien pro Tag. Das entspricht einer Zwischenmahlzeit wie einem Apfel mit einer Packung Buttermilch,“ sagt die Expertin.

Ein weiterer Aspekt, warum es so wichtig ist auf die Qualität der Lebensmittel zu achten, ist die Trägheit des Immunsystems in der Schwangerschaft. Werdende Mütter sind anfälliger für Keime wie Listerien, Salmonellen oder Toxoplasmose-Erreger, die lebensmittelbedingte Infektionen verursachen können. „Am besten ist es, wenn Schwangere auf so genannte »Risikolebensmittel« verzichten,“ so Dieminger. Dazu zählen unter anderem rohes und unvollständig durchgegartes Fleisch, Mett- und Rohwürste ebenso wie kalt geräucherter Fisch. Hände weg auch von Sushi, Austern und Muscheln sowie Speisen, die rohe Eier enthalten wie Tiramisu, Mayonnaise oder ein weiches Frühstücksei, bzw. Spiegelei. Tabu sind auch Rohmilch oder Rohmilchprodukte wie geschmierter Käse. 

 

Doch was tut in der Schwangerschaft wirklich gut? 

„Eine feine Hilfestellung bietet die auf der Website des Bundesministeriums für Gesundheit angebotene Ernährungspyramide für Schwangere,“ rät die Ernährungswissenschafterin. Auf Alkohol und Nikotin sollte demnach bekannter weise gänzlich verzichtet werden, von Vitaminen und Mineralstoffen kann der Körper in dieser Zeit jedoch kaum genug bekommen.

Die Expertin verrät auch einen Effekt, der derzeit erforscht wird: „Was Mütter essen, hat wesentliche Auswirkungen auf die Geschmacksvorlieben des Kindes sowie auf die Gesundheit bis ins Erwachsenenalter. Das Kind wird später eher  das präferieren, was es im Mutterleib und über die Muttermilch zu sich genommen hat.“

»Bunt und gesund« lautet also die Devise, mit der Mütter sich und ihrem Baby Wohlbefinden bescheren. Und sollte der Körper in der Schwangerschaft kuriose Essgelüste senden, vertrauen Sie ihm ruhig. Er weiß am besten, was er braucht.