Christine, wann bekamen Sie Ihre Diagnose?

Im Februar 2011.

Wie kam es dazu?

Ich lag im Bett und kratzte meine linke Brust. Dabei ertastete ich etwas. Mir wurde mulmig und ich ging am nächsten Morgen zum Arzt. Beim Röntgen (Mammographie) fiel tatsächlich etwas auf, die Biopsie folgte tags darauf.

Wie erging es Ihnen danach?

Das Warten auf den Befund war kaum zu ertragen. Es dauerte 14 Tage.

Konnten Sie mit Ihrer Familie sprechen?

Ich wollte keinen belasten. Ich zeigte Stärke. Schließlich war ich der Anker unserer Familie. Das überforderte mich: Innen war ich zerbrochen. Ich hatte Angst. Panik. Eines Tages kam eine meiner Zwillingstöchter zu mir und fragte, ob ich das Wort „Krebs“ schon laut ausgesprochen hätte. Ich hatte die Wirkung dessen unterschätzt. Schon während des Gesprächs mit ihr fühlte ich Erleichterung. Ich musste mich nicht mehr verstellen. Ich konnte ich sein.

Was half noch, die Ungewissheit zu ertragen?

Malen. Ich wollte dem Krebs ein Bild geben. Ich malte nur mit meinen Händen, zum ersten Mal. Heraus kam mein bis heute schönstes Bild. Es zeigte: Der Krebs ist kein Feind, gegen den ich kämpfen muss. Ich muss ihn annehmen.

Und dann kam der Befund …

Als der Arzt das Wort Brustkrebs sagte, fiel ich ins Bodenlose. Ich hatte die Vorsorgeuntersuchungen und Mammographien immer absolviert…

Wie wurden Sie behandelt?

Das Onko-Konzil beschloss: zuerst die OP, dann die Chemo.

Wie verlief die OP?

Als ich aufwachte, fühlte ich meine Brust an ihrem Platz. Ich war froh. Dann sah ich das Gesicht meines Arztes und wusste, er brachte schlechte Nachricht: Eine Amputation sei nötig.

Haben Sie psychologische Betreuung gesucht?

Ja. Die Psychologin war auf Frauen mit Brustkrebs spezialisiert. Sie zeigte mir, dass es nach der Diagnose ein Weiter gibt.

Was empfanden Sie angesichts der bevorstehenden Amputation?

Ich machte mir Gedanken, wie ich meiner Brust danken und sie verabschieden könnte. Sie hatte mich begleitet, Freude bereitet und meine Mädchen genährt. Ich fand im Nachtkästchen einen Stein von einer Wanderung. Auf den schrieb ich, was mir wichtig war und zeichnete dazu. Mir liefen die Tränen. Ich nahm mir vor, den Stein nach der OP loszulassen.

Wurde die Brust während der 2. OP gleichzeitig aufgebaut?

Nein. Da alle Lymphe entfernt wurden, konnte man mir kein Silikonimplantat verpassen, da mir möglicherweise noch eine Strahlentherapie bevorstand. Stattdessen bekam ich einen Expander – der aber verrutschte.

Sie mussten wieder operiert werden?

Die Chemo war dringlicher. Ich machte sie und ertrug die Schmerzen, die der Expander bereitete.

Wie fühlten Sie sich ohne linke Brust?

Der Verlust schmerzte. Ich fand mich selbst nicht mehr.

Wie kamen Sie durch die Chemo?

Sie machte meinen Krebs offensichtlich. Die fehlende Brust hatte ich noch kaschieren können. Die ausfallenden Haare, Brauen und Wimpern sah jeder. Ich liebte mein langes Haar, das voll und schön war. Es ausfallen zu sehen, war ein Schock.

Hatten Sie mit anderen Nebenwirkungen zu kämpfen?

Ich bekam fürchterliche Hautausschläge. Entzündete Schleimhäute. Der ganze Körper war wund. Ich fühlte mich unhübsch, genierte mich und verzweifelte. Meine Familie versuchte, normal mit mir umzugehen, aber es fühlte sich nicht so an.

Wie ging’s weiter?

Sobald es ging, ließ ich den Expander entfernen. Ein Silikonimplantat wurde stattdessen eingesetzt. Leider war es zu klein. Und es verschlechterte meinen Lymphfluss. Meine Psychologin riet mir zu einer Auszeit - und die nahm ich mir. Bei der Kur traf ich eine Frau, die sich ihre Brust von einem plastischen Chirurgen hatte rekonstruieren lassen. Das sah so gut aus! 2013 habe ich von ihm meine Brust mit Eigengewebe machen lassen. Sobald das Silikon aus mir raus war, ging es mir besser.

Während all der Zeit fragte ich mich immer, welchen Sinn mein Brustkrebs hat. Und ob ich etwas tun könnte, um die Zügel meines Lebens wieder in die Hand zu nehmen. Ich stieß auf ein Buch über Bewusstseinstraining – und nahm Kontakt zur Autorin auf. Mit ihr trainierte ich.

Was brachte das Bewusstseinstraining?

Ich verlor die Angst vor meiner Krankheit, vor dem Tod. Ich erkannte die Auslöser für den Schicksalsschlag und entfernte die Disharmonien aus meinem Leben. Das weckte Hoffnung und mein Urvertrauen wuchs.

Und dann haben Sie Ihre Geschichte aufgeschrieben?

Ja. Das Bedürfnis danach wuchs von Tag zu Tag. Ich wollte meine Erfahrungen weitergeben, anderen einen Weg zeigen, den Krebs anzunehmen. Ich wollte die kleinen Dinge benennen, die ich auf meinem Weg hilfreich fand – und die einem keiner sagt.

Ihr Buch heißt „Mitten im Leben“ – das klingt nach Ankunft. Und nach Aussicht. Was wünschen Sie sich?

Ich möchte Frauen mit Brustkrebs erreichen. Mit meinem Buch. Und meine Lesungen mit einer Vernissage meiner Bilder verbinden.

Christine, danke für das offene Gespräch und alles Gute dafür!