Frau Mag. Martina Anditsch, aHPh, Leiterin der Apotheke an der Universitätsklinik AKH Wien, spricht über die Probleme, die die gleichzeitige Verabreichung mehrerer verschiedener Medikamente bereiten kann.

Frau Mag. Anditsch, was ist Polypharmazie?

Die WHO definierte schon vor Jahren, dass man bei PatientInnen, die mehr als fünf Medikamente einnehmen, von Polypharmakotherapie, kurz: Polypharmazie (Multimedikation) spricht. Meist ist aber heutzutage aufgrund einer leitliniengerechten Medizin die Verabreichung einer Kombination von mehr als zehn verschiedenen Arzneimitteln keine Seltenheit.

Und das ist problematisch?

Gerade bei alten Patienten über 65 Jahren können solche Kombinationen zu schweren Nebenwirkungen und Symptomen führen, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen. Ein wichtiger Grund hierfür liegt in der Abnahme der Funktionen von Leber und Niere, den wichtigsten Organen für die Verstoffwechselung und Ausscheidung der Arzneimittel.

Beschreiben Sie bitte an einem Beispiel, wo das Risiko liegt!

Angenommen ein älterer Mensch hat als Dauertherapie ein Medikament gegen Vorhofflimmern und gegen Depression verordnet bekommen und erhält aufgrund eines Infektes ein bestimmtes Antibiotikum dazu, dann könnten durch diese Kombination massive Herzrhythmusstörungen oder ein Herzstillstand ausgelöst werden. Es ist also sehr wichtig, bei der Auswahl der Medikamente darauf zu achten, dass sie auch zusammenpassen.

Was bedeutet das speziell für DemenzpatientInnen?

Von Demenz Betroffene werden oft mit mehreren Medikamenten zugleich behandelt. Je nach Krankheitsverlauf fällt es ihnen jedoch schon schwer, diese regelmäßig einzunehmen, ganz zu schweigen von den Schluckbeschwerden, die eine Demenz oft mit sich bringt.

Was raten Sie PatientInnen angesichts des Risikos, das die Polypharmazie birgt?

Der Arzt sollte immer nach weiteren Medikamenten fragen, die sein Patient einnimmt. Und prüfen, ob das von ihm verordnete Medikament dazu passt. Dazu muss er über den Patienten informiert sein. Hier ist der Patient verpflichtet, Auskunft über sich zu geben. Der Patient sollte im Zweifelsfall mündig nach der Wirkstoffverträglichkeit fragen.

Insbesondere Demenzpatienten rate ich, möglichst einen Begleiter mit zum Arzt zu nehmen und selbst über zunächst harmlos scheinende Symptome wie Schwindel, Übelkeit oder Erbrechen offen zu sprechen. Die kündigen Unverträglichkeiten einer Multimedikation oft an. Zwei, drei Mal im Jahr sollte ihre Multimedikation geprüft werden.

Welche Rolle spielt der Apotheker?

Der Apotheker bringt sein Wissen über Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen beratend sowohl für den Patienten, seine Angehörigen, aber auch Ärzteschaft und Pflege ein. Durch die intensive Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker können die medikamentöse Therapie optimiert und damit viele Symptome, die durch Medikamentencocktails entstehen, verhindert werden.