Wir wissen sehr viel über unsere Lebensmittel, doch gleichzeitig sind immer mehr Menschen von Darmbeschwerden betroffen. Wie ist Ihre Sicht aus der täglichen Praxis dazu?

Ich beobachte eine Zunahme von Lebensmittelintoleranzen und Verdauungsproblemen in den letzten Jahren. Viele Menschen nehmen Fertig- oder Halbfertigprodukte mit vielen Zusatzstoffen zu sich, die den Darm massiv belasten können. Aber es gibt auch ein anderes Extrem: Viele Menschen greifen zu vermeintlich gesunden Lebensmitteln, die aber nicht für jeden Menschen  zuträglich sind.

Mein großer Leitsatz ist: Die Nahrung ist nur so gesund, so gut sie vertragen, aufgespalten und verdaut werden kann. Hier beginnt eine große Kluft zwischen Trends bzw. Empfehlungen und der tatsächlichen Verträglichkeit, denn eine gesunde Ernährung ist so individuell wie jeder Mensch selbst.

Mit welchen Problemen im Verdauungstrakt kommen die Menschen zu Ihnen?

Diese sind sehr breit gestreut. Häufig wird von Stuhlunregelmäßigkeiten, Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung berichtet, Völlegefühl oder Blähbauch nach fast jedem Essen sowie Krämpfe und Koliken. In meiner Praxis betreue ich auch Menschen, die seit 25 Jahren an einer chronischen Verstopfung leiden.

Diese Verdauungsprobleme beeinträchtigen nicht nur das körperliche Wohlgefühl, sondern belasten den gesamten Organismus. Aus Scham und Peinlichkeit schweigen viele Menschen jedoch lange Zeit über ihre Beschwerden, sprechen nur mit vertrauten Personen darüber und finden sich mit dieser Situation häufig einfach ab.

Wie reden Betroffene über ihre Probleme mit Ihnen?

Selbst im Einzelgespräch in meiner Praxis verursacht die Frage nach den Stuhlgewohnheiten vielen Menschen ein beklemmendes und peinliches Gefühl. Dabei ist es medizinisch sehr interessant, was wir als Endprodukt unserer Nahrung in der Toilette abliefern. Wir sind es gewohnt, unser Geschäft schnell abzuschließen und zu beseitigen, ohne auch einen näheren Blick darauf zu werfen. Viele Patienten können diese Frage deswegen auch nur zögerlich oder  sehr schwer beantworten.

Wie werden die Ursachen bei Darmbeschwerden festgestellt?

Die Abklärung mit einer Koloskopie ist oft unabkömmlich, um akute oder chronische Entzündungen der Darmschleimhaut, Polypen oder auch Karzinome festzustellen. Viele Patienten kommen jedoch mit einem Befund, der völlig in Ordnung ist, obwohl sie schon jahrelang Beschwerden erdulden.

Hier liefert eine mikrobiologische Untersuchung der Darmflora – dem Mikrobiom – mittels einer Stuhlanalyse genauere Informationen. Denn dadurch können Mikroentzündungen, das Milieu und die genaue Bakterienzusammensetzung der Darmschleimhaut festgestellt werden.

Wie können Verdauungsprobleme behandelt werden?

Eine bewusstere Lebensgestaltung mit regelmäßigen und möglichst frischen Mahlzeiten, mehr Regeneration und weniger Stress, lindern oft sehr rasch viele Beschwerden. Auch gezielt eingesetzte Probiotika – Lebensmittel aus lebenden Mikroorganismen – können unterstützend dazu beitragen.

Doch bei länger anhaltenden Beschwerden ist es ratsam, medizinische Betreuung in Anspruch zu nehmen, denn bei massiven Störungen können gut gemeinte Empfehlungen oft mehr Schaden anrichten. In schwerwiegenden, chronischen Fällen kann eine sogenannte Darmsanierung bis zu einem Jahr dauern. Ein langer Zeitraum, doch ist es  häufig nur ein Bruchteil der Zeit, in welcher der Darm sehr stiefmütterlich behandelt worden ist.

Wir sollten lernen, tatsächlich wieder auf unseren Bauch zu hören, denn unser Darm hat uns sehr viel zu sagen.